Das FotoalbumMeine Mama mit dickem Bauch, als sie mit mir schwanger war, dann ich, als ich endlich da war. Oh, war ich da niedlich klein! Ich beim baden mit einer Schaumkrone auf dem Kopf - ich hatte mir später einen Spaß daraus gemacht, alle Leute in Reichweite nass zu spritzen. Doch jetzt bin ich zu alt dafür, wer spielt denn heute noch mit sechzehn Jahren mit Quietscheentchen und Schiffchen? Die nächste Seite: Ich, wie ich mit dem Schnuller im Mund schlafe. Wie süß ich damals doch war! Dann ein Bild auf dem ich in die Kamera lache, mein erstes Zähnchen gut sichtbar. Ich bekam immer so goldige Grübchen in meinen Bäckchen, doch heute sieht man sie kaum noch. Ob ich heute anders lache als damals? Ich schaue mir das Bild genauer an. Meine Augen strahlen. Wenn ich es mir genau überlege, weiß ich nicht, wann ich das letzte Mal so von innen heraus gestrahlt habe. Mit so einer Ehrlichkeit und Freude und Offenheit; so lachen nur Kinder. Damals konnte ich stundenlang spielen mit ein und derselben Sache ohne mich zu langweilen. Ich brauchte keine riesige Puppenstube. Eine einfache Puppe hat mir gereicht, dazu habe ich noch meinen Teddybären geholt, den ich immer zum schlafen brauchte. Ich habe ihn immer noch. Doch heute würde ich nie mehr mit so einer Intensität spielen können wie früher. Verlernt man das? Kinder leben das Leben, die Erwachsenen denken es zu leben. Da liegt glaube ich der Unterschied. Ich schaue weiter: Ich, wie ich über Mamas Schulter schaue. Ich, wie ich über Papas Schulter schaue. Ich, wie ich über Omas Schulter schaue. Ich habe früher viel geschaut. Von oben sieht die Welt doch so viel schöner aus als von meinen damaligen 70 cm. Das nächste Bild zeigt mich bei meinen ersten Gehversuchen. Einmal bin ich nach ein paar wackeligen Schritten gegen eine Glasscheibe gelaufen. Ah, ich wusste doch, dass es das Bild noch gibt. Ich mit dem Resultat von meiner persönlichen Begegnung mit einer Glasscheibe: einer riesengroßen, blaugrüngelben Beule. Ein Bild, wie ich die Katze ärgere. Ein Foto, auf dem die Katze mich ärgert. (Ich ziehe sie am Schwanz und sie zieht mir mit ausgefahrenen Krallen eine drüber). Ich, wie ich an Weihnachten Geschenke auspacke, wie ich an meinem Geburtstag Geschenke auspacke, wie ich an Ostern Geschenke suche. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich immer noch nicht alle gefunden habe. Weitere Bilder. Ich stehe in Omas Küche und bekleckse alles mit Sirup oder schneide mir verbotenerweise mit Mamas Küchenschere die Haare. Da konnte auch ein Friseur nichts mehr retten. Ein anderes Foto zeigt mich an meine Mama gekuschelt und friedlich schlafend. Diese Geborgenheit geht in all den Jahren leider verloren. Kinder können sich noch in den Schoß ihrer Eltern flüchten und daran glauben, dass alles wieder gut wird. Doch ich bin erwachsen geworden. Ich weiß nun, dass dieser Glaube nichts weiter als eine Illusion ist. Einmal war ich mit meinem Bruder Drachensteigen an der Nordsee. Ich bin damals fast weggeflogen, meine Beine baumelten schon einen Meter über dem Boden, bevor mein Bruder mich dankenswerterweise wieder runter gezogen hat. Ich liebe meinen Bruder, nicht nur deswegen, wirklich, aber ich kann ihn einfach nicht leiden. Dann war wieder Winter und ich wurde in Schnee verpackt und stand eine Stunde mit blauen Zehen draußen im Garten und musste Schneemann spielen. Weiter: Ich lerne Fahrradfahren und fahre den einzigen Pfosten weit und breit um, weil ich nicht im Traum daran dachte ihm auszuweichen. Sollte er es doch selber machen. Ich an meinem ersten Schultag mit meiner selbst gebastelten Schultüte in der Hand. Meine erste Zahnlücke. Den Zahn habe ich nie gefunden, ich glaube ich habe ihn verschluckt. Und eines der letzten Bilder ist von meinem Faschingskostüm. Ich war immer eine Prinzessin, jedes Jahr. Als kleines Mädchen wollte ich, wenn ich groß bin, eine Prinzessin werden, das war mein Traum. Ich bin jetzt groß, aber eine Prinzessin bin ich nicht. Doch was ist aus meinen Träumen geworden? Sie sind zu unrealistisch, kindlich, zu irrelevant für die Erwachsenenwelt. Was kümmert diese Welt schon die Träume kleiner Mädchen? Ich halte mein Album in den Händen. Ein anderes habe ich nicht. Warum nicht? Warum hat keiner mehr versucht mein Leben festzuhalten? Doch was sollte man jetzt schon fotografieren? Wie ich Hausaufgaben mache? Wie ich lerne? Wie ich über meine Zukunft nachdenke? Nein wirklich nicht. Und das sind die einzigen Sachen, die ich zu Hause mache. Bei den Partys allerdings ist es wohl am besten, wenn keine Bilder gemacht werden, die später mal ins Album kommen. Fotos machen, wenn ich über meine Zukunft nachdenke? Geht schlecht, ich denke so wenig wie möglich darüber nach, sie macht mir Angst. Ich kann einfach nichts positives an den dritten Zähnen, kaputten Gelenken und Hörgerät finden, ganz zu schweigen von einer Rente, die noch nicht mal hoch genug ist, um davon leben zu können. Wenn ich bis dahin überhaupt noch lebe. Nein, nicht gut, gar nicht gut. Ich bleibe lieber jung. Das ist ja gar nicht mal so übel. Na gut, es ist nicht besonders angenehm, in den ersten fünf Minuten eines Tages feststellen zu müssen, dass man bescheuert aussieht, die Haare nach allen Seiten abstehen, die Augen total verquollen sind von der letzten Party gestern Abend und Make-up doch kein Allheilmittel für das Gesicht ist. Aber eines habe ich von meiner besten Freundin gelernt: der erste Schritt, um das Leben zu genießen, ist sich selbst zu lieben. Wenn ich das Haus dann mal einigermaßen gestylt verlassen habe und wach in der Schule angekommen bin, ist es sehr schwierig für mich, den Rest vom Tag wach und motiviert zu bleiben. Hoffnungslos, wenn man sich den Stundenplan meines Montags mal anschaut. Echt nichts böses gegen die einzelnen Fächer, aber manche kann ich einfach nicht abhaben. Die Lehrer sollten nicht alle von den Schülern erwarten, gut in ihren Fächern zu sein. Wir sind alle nur Menschen und keiner ist perfekt. In dieser Sache bin ich in Sozialkunde, meiner ersten Schulstunde. Montagmorgen, vollkommen unperfekt. Politik ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich kann es mir nicht merken und verstehen tue ich es erst recht nicht. Dazu ist die Speicherkapazität meines Gehirns leider viel zu klein. Politiker reden und reden und reden, aber ich habe sie noch nie etwas tun sehen. In der zweiten Stunde dann Chemieübung, bei der ich es jedes Mal schaffe, alles, was vor mir auf dem Tisch steht, in die Luft zu jagen. Daher schaue ich meistens nur vom Rand aus zu. Und ich versuche vor IHM gut dazustehen. ER. ER wird mich später mal heiraten, nur weiß ER es noch nicht. Wenn ich IHN sehe denke ich: Oh, ist der süß!!!!!!!! Bis ich ihn dann in der Pause erwische, wie er mit meiner besten Freundin knutscht. So, und wen bringt man jetzt zuerst um? Und in der Stunde danach hält man uns wieder einen Vortrag über die Oberstufe. Ich bin jetzt in der 10. Klasse und seit diesem Jahr fangen die Lehrer an uns ständig daran zu erinnern, dass wir ja nur noch drei Jahre Schule haben: Danke schön,als wüsste ich das nicht schon alleine. Es ist auch ohne Vorträge schon schlimm genug. 10. Klasse: Fächerwahl für die Oberstufe: OK, Panik. 11. Klasse: Nächstes Jahr Abi! Die Noten zählen schon dafür!: Herzinfarkt! 12. Klasse: ABI! AAAHHHHH! TOT! Und danach?: Ich schau mal, wo ich lande. Wieso fangen alle Lehrer in der 10. Klasse an, über das Abitur zu reden. Es ist doch schon deprimierend genug, wenn es einer macht, aber gleich alle? Nach dem fünften Mal habe es ja sogar ich kapiert, dass mein Abi wichtig ist. Macht meine Angst noch größer. Warum will mir jeder schlaflose Nächte bereiten. Dadurch werde ich in der Schule auch nicht besser. Denn wenn ich mich mit haufenweise Kaffee aufputschen muss, gehe ich ihnen auf die Nerven, dass verspreche ich. Wie bin ich überhaupt auf das Thema gekommen? Nur weil ich mir Fotos angeschaut habe. Wie wird denn das erst, wenn ich mich ernsthaft damit beschäftige? Ich werde in einem Boot sitzen und kentern und das letzte was ich denken werde ist: Ich hab mein Seepferdchen noch nicht gemacht! (Sandra Meyer, 10c) |
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