Vier Tage "Cool Tour" oder was?
Studienfahrt Weimar 2003
(01.-04.10.03)

Bereits vor den Sommerferien stand fest, dass die berühmte Goethe- und Schillerstadt Weimar nur darauf wartete von "ausgewählten" JBG-Schülern unsicher gemacht zu werden.
Am Mittwochvormittag des 01.10. war es endlich soweit:
20 Teilnehmer der Leistungskurse Deutsch und Geschichte waren in Begleitung der drei Lehrkräfte Frau Schwarzmann (Gk D), Herr Specht (Lk D) und Herr Hackl (Lk G) bereit, das "Abenteuer" (bzw. die Studienfahrt) in die Geburtsstadt der deutschen Klassik anzutreten. Der einzige Zwischenfall auf einer sonst reibungslos verlaufenden Zugfahrt passierte in Schweinfurt, als wir unseren Anschlusszug verpassten und mit einem ICE (!) denselben einholen mussten.



Blick vom Mariendom auf die Stadt Erfurt

In Erfurt angekommen, nahmen wir die Straßenbahn zu unserer Jugendherberge, wo wir unsere Zimmer bezogen. Anschließend machten wir einen Spaziergang durch Erfurt, der uns u.a. zum Rathaus der thüringischen Landeshauptstadt führte, wo man uns bereitwillig einließ und uns zu solch "später Stunde" (ca. 19.00 Uhr) noch die Stadtgeschichte Erfurts näherbrachte. Man teilte uns mit, dass Erfurt im Jahre 742 zum ersten Mal urkundlich erwähnt worden sei und dass es einst zum Bistum Mainz gehört habe, was man noch heute am "Mainzer Rad" im Erfurter Stadtwappen ablesen könne. Außerdem verfüge Erfurt über einen Dom und 76 weitere Kirchen, was etwas seltsam anmutet, bedenkt man die 40 Jahre Sozialismus der DDR - Zeit, in der die Kirche verpönt war. Weiterhin waren im Rathaus zwei Bilder mit Szenen aus der Faustlegende zu bestaunen. Das beeindruckendere der beiden stellte Fausts grausamen Tod dar, als er vom Teufel geholt wird. Zu unserer Beruhigung gibt es aber für Goethes Faust ja ein "Happy End": Faust wird gerettet und von den Engeln in den Himmel aufgenommen, denn "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen" (Goethe, "Faust II"). Mit der Erkenntnis, dass das Gute letztlich doch über das Böse triumphiert, bekamen wir Freilauf, um Essen zu gehen. Danach verspürte der Großteil von uns nicht mehr die rechte Lust auszugehen oder das Erfurter Volksfest in der Nähe des Doms zu besuchen, so dass wir mit der "Sperrstunde" der Jugendherberge um 00.00 Uhr nicht in Konflikt gerieten.



Noch hält sich der Kulturschock in Grenzen ...

Der nächste Tag stand ganz im Zeichen Weimars, das wir mit dem Zug erreichten und prompt unsere "Sightseeing - Tour" starteten. Zu diesem Zwecke hatte der Deutsch-Lk um Herrn Specht markante Textstellen aus der Feder berühmter Schriftsteller und Dichter, u.a. Thomas Mann und - wie könnte es anders sein? - Goethe und Schiller selbst, herausgesucht, die vor den jeweiligen Sehenswürdigkeiten vorgetragen und durch Informationen von Lehrerseite ergänzt wurden. Unsere erste Station war das bekannte Denkmal für Goethe und Schiller vor dem Nationaltheater. Dort versuchten wir, Karten für die Inszenierung "Goethe schtirbt" von Thomas Bernhard zu bekommen, da die Aufführung aber komplett ausverkauft war, blieb uns ein Theaterabend leider versagt.



Orientierungsversuch in Weimar

Weiter ging es in Richtung Herzog-Carl-August-Denkmal, das sich normalerweise in der Nähe der Hochschule des Komponisten Franz Liszt befindet. Allerdings mussten wir zum tiefsten Bedauern unserer Begleitpersonen feststellen, dass der bronzene Herzog - Goethes Arbeitgeber und Freund - sich aus dem Staub gemacht hatte bzw. dass er auf Grund von Bauarbeiten das Feld hatte räumen müssen.
Doch damit hörten Weimars Baumaßnahmen noch (lange) nicht auf: Das Grüne Schloss, in dem sich die berühmte Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek befindet, war ebenfalls von einem Bauzaun umgeben und für unsere Gruppe nicht zugänglich.
Am Schillerhaus vorbei, waren wir bereit, die Besichtigung des Nationalmuseums und des Goethehauses am Frauenplan in Angriff zu nehmen. Das Nationalmuseum, das zwar zahlreiche interessante Exponate aus Goethes Zeit und seinem Leben in Weimar vorzuweisen hatte, erwies sich jedoch als "museumspädagogische Katastrophe" (Zitat Frau Schwarzmann), da es oft übergangslos von einer Abteilung in die nächste überleitete, so dass z.B. der Zusammenhang von Goethes Farbenlehre und einem kleinen Napoleon-Modell im anschließenden Ausstellungsraum rätselhaft blieb. Danach lernten wir einen ältlichen, an Honecker erinnernden Mann kennen, der sich uns als unser Fremdenführer für das Goethe- bzw. das Schillerhaus sowie Schloss Tiefurt zu erkennen gab. Im Stall des Goethehauses bewunderten wir eine ehrwürdige Kutsche aus den Lebzeiten des Dichters, mit der er zu reisen gepflegt hatte.
Das "Multitalent" Goethe besaß auch zeichnerische Fähigkeiten, was man an den Bildern seiner Lebensgefährtin Christiane Vulpius ablesen kann, die die Wände der Wohnstube zieren. Außerdem befand sich eine umfangreiche Privatbibliothek mit ca. 3000 Bänden in Goethes Besitz.



Vor dem Schillerhaus in Weimar

Die nächste Station am Nachmittag stellte das Schillerhaus dar, wo wir unter anderem erfuhren, dass der Dichter sich vom Geruch faulender Äpfel inspirieren ließ und diese deshalb gerne in seinen Schreibtischschubladen aufbewahrte. Auch schien er eine Schwäche für griechische bzw. römische Büsten gehabt zu haben, deren Unterscheidungsmerkmale wir Dank unseres Fremdenführers Herrn Hagel so schnell nicht wieder vergessen sollten.
Jenseits der geistigen Größe der beiden Dichter bestand beim weiblichen Teil der Weimarfahrer Einigkeit darüber, dass es sich bei Schiller eindeutig um den "schöneren Mann" handelte. Um einige Erkenntnisse reicher, brachen wir zu Fuß nach Schloss Tiefurt auf, das wir nach einer knappen dreiviertel Stunde erschöpft erreichten. Thomas Mann schreibt in seinem Roman "Lotte in Weimar": "Rein architectonisch genommen, ist es mit dem Schloß nicht weit her (...)", was sich in unseren Augen auch bestätigen sollte, da besagtes Gebäude eher an ein Bürgerhaus erinnert als an ein Schloss. Im Schloss selbst sahen wir uns erneut zahlreichen griechischen und römischen Büsten gegenüber und unsere Aufmerksamkeit fand spätestens mit dem Anziehen der Überschuhe, die den Boden schonen sollten, ein Ende.
Am Schluss dieses anstrengenden Tages hatten wir gerade noch die Kraft, um uns über die seltsamen Ansichten unseres Fremdenführers und ganz besonders dessen antiquiertes Frauenbild auszulassen, dessen Ursprung sicherlich weitaus länger zurückliegt als das von Herrn Hagel so oft gepriesene Zeitalter der "Reneisangs" (gemeint ist "Renaissance", also die "Wiedergeburt" der Antike).
Am Freitag, dem 03.10. und "Tag der deutschen Einheit" brachen wir nach Buchenwald auf. Der eisige Wind, der uns an der "Endstation Buchenwald" (Durchsage im Bus!) entgegenschlug, stimmte uns schon richtig auf das Kommende ein.



Zunächst lasen Herr Hackl und anschließend vier unserer Mitschüler aus einem Buch, das den Aufenthalt im KZ Buchenwald aus der Sicht eines Kindes sehr eindrucksvoll und traurig schildert, vor. Im Anschluss daran sahen wir einen Film, in dem die Zustände in verschiedenen KZs gezeigt wurden. Dann stand eine Führung an, während der uns ein Gedenkstein für die Opfer gezeigt wurde, in welchen deren 35 Herkunftsländer (!) eingraviert waren. Das besondere an dieser Platte ist, dass sie das ganze Jahr hindurch mit der Körpertemperatur des Menschen (37°C) beheizt wird. Diese symbolreiche Stätte beeindruckte uns alle zutiefst und verschlimmerte unser Entsetzen über die unfassliche Menschenfeindlichkeit noch um ein weiteres. Nach der Führung bestand noch die Möglichkeit, eine Ausstellung über die NS-Zeit auf dem Gelände zu besuchen, was aber nur ein Teil von uns wahrnahm. Bevor wir Buchenwald verließen, konnten wir noch in einem "Gesprächskreis" innerhalb unserer Gruppe auf freiwilliger Basis über unsere Eindrücke sprechen.
Der folgende Programmpunkt half uns, die "Seelenfolter" Buchenwald abzuschütteln: Der wunderschöne Park an der Ilm und Goethes idyllisch gelegenes Gartenhaus, in dem er viele Gedichte verfasst und sich der Blumenpflege hingegeben hatte, bildeten einen wohltuenden Kontrast zum Anfang des Tages.
Den letzten gemeinsamen Abend verbrachten wir im Erfurter Brauhaus, wo uns die begleitenden Lehrkräfte dankenswerter Weise die erste Runde ausgaben!
Am Samstag, dem 04.10., der gleichzeitig unser Abreisetag war, besichtigten wir noch den Erfurter Dom, in dem sich unter dem Bild der Heiligen Katharina eine von Schülern des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums gestaltete Gedenkecke befindet, die an die Opfer des Amoklaufs eines ehemaligen Schülers dieser Schule im Jahr 2002 erinnert.
Alles in allem war es eine interessante Fahrt, die wir nicht missen möchten und wir können beruhigt sagen:
"Laßt den Wienern ihren Prater:
Weimar, Jena, da ist's gut !"

(Goethe, Die Lustigen von Weimar)


In diesem Sinne,
Nina Reuling und Eva Dieterle

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