Nachdem sich in den letzten Jahren schon eine ganze Reihe von Schülern zu einem längeren Auslandsaufenthalt in den USA entschlossen hatten, wagte sich im Schuljahr 2001/2002 zum ersten Mal eine unserer Schülerinnen - Ingrid Vornberger (11a) - für einige Monate ins französischsprachige Ausland.
Sie berichtete uns in regelmäßigen Abständen in ihrem "Online-Tagebuch" von ihren Erfahrungen in Québec:


Ingrids "Kanadisches Tagebuch"


28. Mai 2002

Mittlerweile bin ich schon wieder drei Wochen lang daheim - leider komme ich erst jetzt zum Abschluss der Berichte.
Was ist noch Wichtiges passiert? Ein Großteil meiner restlichen Zeit, vor allem die vorletzte Woche, ging für Musicalproben drauf, da ich mit der Schule "Jesus Christ Superstar" aufgeführt habe - fünf mal die Woche.

Abgesehen davon war an den letzten zwei Tagen volles Programm - da sich meine Familie da endlich entschließen konnte, mir noch die Sehenswürdigkeiten der Region zu zeigen. So ging es nach einem verregneten Donnerstag, den ich vor allem in den Souvenirläden Québecs und in einer 3-D-Show über Québecs Geschichte verbrachte, am Freitag als erstes auf die Ile d'Orléans, eine Insel mitten im St-Laurent-Strom, auf der vorwiegend Wochenendhäuser für Reiche stehen und die einen tollen Blick auf Stadt und Umgebung bietet. Danach habe ich die Chutes Montmorency besichtigt - ein Wasserfall direkt bei Québec, der zwar schmaler, aber um einiges höher als die Niagarafälle ist (~84 m). Im Winter (der in diesen Maßen sogar dort vorbei war) kann man auf dem Fluss bis direkt zum Wasserfall laufen. Als letzte Etappe stand das Village Huron auf dem Programm: Die Huron sind ein Indianerstamm der Gegend, der in einem Reservat in den Vororten Québecs angesiedelt wurde. Dieser Stamm hat zur Besichtigung ein "originales" Indianerdorf aufgebaut, das zu besichtigen war. Es war sehr interessant gewesen, es wurden u. a. eine Sauna und ein Wohnhaus für ~40 Menschen gezeigt - und man hat erfahren, dass im Stamm der Huron stets die Frauen die "Köpfe" des Stammes waren und die Entscheidungen trafen!

Am Samstag früh war es dann soweit - nachdem ich das lang geplante Foto des vereisten Pools an einem 4. Mai gemacht habe ging es los gen Heimat.

Zum Schluss gibt es wohl nur noch zu sagen, dass dieser Austausch eine tolle Erfahrung war, die ich jedem sofort empfehlen würde!!!


15. April 2002

Toronto! Vom 29. bis zum 31. März war ich mit meiner Austauschpartnerin und einer Freundin in dieser Stadt in der Provinz Ontario - zu der wir ungefähr 8 Stunden mit dem Auto fahren mussten (28. März und 1. April...) - natürlich keine Strecke in diesem Land...
29. März - Niagara Falls: Noch einmal circa 100 Kilometer weiter liegen sie auf dem Weg des Flusses Niagara (später Saint - Laurent) vom Lake Erie zum Lake Ontario. Sie markieren die Grenze zwischen den USA und Canada - von den zwei nebeneinandergelegenen Wasserfällen gehört jeweils einer einem der beiden Staaten und bis zu den Fällen läuft der Fluss auf dem Gebiet der USA, die man also auf dem anderen Ufer sehen kann (leider bin ich nicht hingekommen, weil mein Reisepass in Québec lag - und ohne ist es für einen Europäer quasi unmöglich). Der erste - kanadische - Wasserfall ist wohl der bekanntere und derjenige, der die Niagara Falls so bekannt macht - das Wasser stürzt circa 60 Meter eine ausgedehnte, halbkreisförmig eingebuchtete Felswand herunter. Der US-amerikanische Teil ist nicht so beeindruckend - es ist ein gerader Wasserfall von nicht überragender Form oder Breite (aber immer noch viel breiter als höher) - aber als Gesamtes (knapp einen Kilometer breit) sind die Niagara Falls wirklich eines der beeindruckendsten Naturschauspiele der mir bekannten Welt.
30. März - Toronto - Stadt: Abgesehen von unzählbaren Geschäften bekam ich nicht viel zu sehen, bemerkenswert ist das Rathaus von Toronto, das in der interessanten Form von zwei Halbkreisbögen gebaut ist. Eigentlich sind wir den ganzen Tag durch die Innenstadt (mit China-Town) gelaufen - Toronto ist nicht eine rein neue Stadt, sie hat in ihrem Kern viele Strassen mit alten, niedrigen und auch zum Teil ärmlichen Häusern aufzuweisen und ist meiner Meinung nach sehr schön und hat die längste Strasse der Welt vorzuweisen - 1900 km.
31. März - Toronto - Tourismus: Man mag es kaum für möglich halten - aber auch in Canada gibt es (mindestens) ein Schloss, das einem Bauwerk des (europäischen) Mittelalters ähnelt. Das von Toronto heißt "Casa Loma" und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von einem reichen Mittelalter-Fan im alten Stil erbaut. Abgesehen davon, dass es wirklich sehr schön gebaut und eingerichtet ist hat es wohl nichts, was man nicht von den unzähligen Schlössern Europas kennt. Danach ging's auf den CN-Tower: Das höchste freistehende Gebäude der Welt ist 553 m hoch und bietet eine wunderbare Aussicht über Toronto und den Lake Ontario. Weil das Ganze sehr teuer ist, war ich nur auf der großen Aussichtsplattform in Höhe von 342 m - zum Glück war an diesem Tag wirklich tolles Wetter und man hatte einen guten Blick. Interessant an dem Ganzen ist der "Glass Floor", in einem Teil der Plattform besteht der Boden aus Glas, so dass man am Turm entlang mal eben so unter seinen Füssen 342 Meter nach unten schauen kann. Später konnte ich dann noch einen Blick aus der Nähe auf den Lake Ontario ergattern - verdammt große Sache, weder direkt daneben noch vom CN Tower aus habe ich jemals das andere Ufer gesehen...
Es war wieder beeindruckend zu sehen, wie die beiden Mädchen aus Québec es geschafft haben, sich drei Tage lang zu weigern, mehr als zwei Sätze Englisch zu reden...

Von Ostern habe ich hier (abgesehen von Hasen in Schaufenstern) nichts mitbekommen - religiös ist hier sowieso niemand und genauso wie an jedem Sonntag waren auch an Ostern viele Geschäfte u. ä. offen.
Seit Toronto ist hier wieder Alltag eingekehrt - und langsam wird es vielleicht sogar Frühling. Hier heißt Frühling allerdings: "Ah es hat 20 Grad - wir sollten Skifahren gehen!" Hier in der Stadt ist der Schnee schon fast ganz geschmolzen - aber zum Skifahren reicht es immer noch, abgesehen davon dass es halt ziemlich matschig ist. Nächste Woche "darf" ich dann mit kurzen Hosen fahren...

Zu erwähnen ist auf jeden Fall noch mein Besuch einer "cabane à sucre" vor ungefähr einer Woche. Eine cabane à sucre ist der Herstellungsort des berühmt-berüchtigten (?!) Ahornsirups, Spezialität Kanadas im Allgemeinen und Québecs im Besonderen. Nachdem ich mich versichert hatte, dass ich dort nicht zum Essen gezwungen werde, habe ich mit meiner Austauschpartnerin und einigen Frendinnen die cabane einer befreundeten Familie besucht. Als Erstes bekamen wir zu sehen, wie das frisch gezapfte "Baumwasser" durch langes und starkes Kochen in verschiedenen Stufen zu einem weichen Sirup wird, das dann in große Behälter gefüllt wird, wo es abkühlen und erhärten soll. Ein kleiner Teil des frischen Sirups wurde für eine ganz besondere "Leckerei" aufbewahrt: Heißer Sirup in Schnee gegossen und dann mit einem Stecken aufgedreht - zum Lutschen. Nachdem ich also zwei davon runtergequält habe, durften wir Zucker machen - also heißen, frischen Sirup so lange rühren, bis er fest und zuckrig ist. Das hat dann sogar ein bisschen geschmeckt... Das absolute Highlight folgte dann: mit Eimern bewaffnet sind wir per Ski-Doo in den Ahornwald gefahren, um Bäume zu melken: An jedem Baum war ein Rohr und ein Eimer befestigt, in den die ganze Flüssigkeit läuft, die im Frühling einige Wochen lang entsteht. Das Zeug wird wirklich reichlich produziert, die Eimer müssen jeden Tag geleert werden, aber es braucht eben viele Liter davon um einen Liter Sirup herzustellen, das bedeutet langes Herumlaufen im immer noch tiefsten Schnee. Die ganze Sache war total interessant - und solange man das Zeug nicht essen muss ist "sirop d'érable" - in Form von Sirup, Butter, Zucker und "Schneelutschern" wirklich was Schönes...

Da meine Gastfamilie sich ja leider weigert, mit mir nach Montreal zu fahren, war ich am Samstag mit einer Gruppe aus der Schule einer anderen Deutschen dort gewesen. Von der Stadt habe ich leider nicht viel gesehen (zwei Museen, Cats) - aber eine Stunde in der Altstadt konnten wir ergattern - Montreal ist wirklich eine sehr schöne Stadt und am beeindruckendsten ist die Kirche Notre Dame, die eine tolle Fassade und eine sehr aufwendige Inneneinrichtung hat und damit bestimmt keine billige Kopie des "Originals" in Paris ist. In der Kirche haben wir uns ein "spectacle" über die Entstehung der Stadt und der Kirche angeschaut - mit Wahl zwischen Kopfhörern mit englischer und französischer Version. Montreal - noch circa 100 km von der Grenze zu Ontario entfernt - ist eine richtig zweisprachige Stadt - die meisten Schilder sind sowohl auf französisch als auf englisch geschrieben und in den Geschäften können die meisten Verkäufer ebenso englisch sprechen.
Mittlerweile habe ich auch endlich mal Québec bei Tage gesehen - Besonderes gibt es dort eigentlich nicht, ich habe das Parlament besichtigt und das eine oder andere Mal die Altstadt durchwandert. Es gibt auch ein Museum über die Geschichte Kanadas - aber nichts Besonderes...

Auch wenn sie für mich zur Zeit eher rar sind - ich denke die typischen Abende Mo-Do hier kann man, meiner Meinung nach auch verallgemeinernd, kurz und treffend beschreiben: Wenn man zwischen 16 und 17 Uhr nach Hause kommt, ist der Tag meist schon gelaufen. Manchmal trifft man sich noch mit Freunden, vielleicht einmal unter der Woche - aber es kommt kaum vor, dass man noch Sport in einem Verein treibt oder so. Ich gehe hier jeden Dienstag zu Musical-Proben (nächste Woche haben wir Aufführungen...) und da sind auch sonst noch einige andere - aber darauf beschränken sich solche Aktivitäten aber oft schon. Hier geht der Tag dann so weiter: Gleich nach der Schule wird sich dem prinzipiell angeschalteten Fernseher gewidmet - bis auf denjenigen, der das Glück hatte sich einen Platz am Computer zu ergattern. Um circa 18 Uhr gibt es dann Abendessen (niemand würde auf die Idee kommen, der Mutter bei den Arbeiten zu helfen) und dann setzt sich der Abend in der etwa gleichen Weise fort: Fernsehen, Internet (alle hier haben Flatrate), ab und zu mal das Telefon oder eine Unterhaltung. Gelesen wird (fast) nie. Ab und zu zieht sich noch ein Teil des Nachwuchses zu begrenzten Schularbeiten zurück. Wie erwähnt gibt es quasi keine Vereinsaktivitäten und auch das Fahrrad wird (nicht nur im Winter) eher selten ausgepackt - meiner Meinung nach sind sie schon alle etwas faul hier (vielleicht abgesehen vom Skifahren. Das Wochenende kann ich allgemein nicht so gut beschreiben - da hier die ganze Familie am Samstag und Sonntag skifahren geht, gehört sie sicher nicht zum Durchschnittsbild. Was hier ganz fehlt sind Spiele. Es kommt wirklich nie vor, dass sich Familie oder Freunde einmal zu einem Spiel zusammensetzen und selten, dass die Familie sonst noch länger zusammenbleibt - schließlich gibt es ja mehrere Fernseher im Haus...

Ich bin jetzt noch knapp drei Wochen hier, und meine Hoffnungen auf einen Schneesturm sind jetzt endgültig begraben. Aber naja - vielleicht erlebe ich ja noch die komplette Schneeschmelze - im Moment freue ich mich nur, dass das Wetter in Miltenberg nicht besser ist als hier :-)

23. 3. 2002

Heute ist die Hälfte rum - ich bin jetzt seit genau sechs Wochen hier in Québec.
Was kann ich sagen - sozusagen als "Halbzeitbilanz"?

Also auf jeden Fall gefällt es mir hier insgesamt immer noch gut und ich kann schon sagen, einige wichtige Erfahrungen gesammelt zu haben, da sich das Leben hier doch in vielen Punkten von dem unsrigen unterscheidet. Ich finde so einen 12-Wochen-Austausch eigentlich ziemlich ideal - er ist zu lang, um als "Urlaub" zu gelten - das heißt, man muss sich schon richtig in das Land und die Umstände einfügen - aber andererseits ist es auch nicht so lang, wie wenn man jetzt ein Jahr oder so in einer fremden Umgebung leben müsste.

Leider hat es diesmal etwas länger gedauert - ich werde wieder versuchen mich zu bessern... Innerhalb der letzten drei Wochen lag ja unter anderem die Ferienwoche, die ich größtenteils damit verbracht habe, Ski zu fahren (und zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Snowboard zu stehen), noch mehr Ski zu fahren, mich mit Leutchen zu treffen und für Jesus Christ Superstar zu proben, was die Schule Ende April aufführt. Sonst waren wir noch im "Village de Sports", einem Freizeitpark, der aus Schneepisten besteht, die man in Reifen hinuntergleitet. War eine sehr lustige und auch interessante Angelegenheit - ich meine auf so eine Idee KÖNNTE man bei uns gar nicht kommen - und die alles Mögliche von der extrem welligen "Rafting"-Bahn (zu passieren in einem "Boot") bis zum 110-Grad-Gefälle - "Everest" bietet.

Dann haben wir uns einmal einen Abend genommen, um die Sehenswürdigkeiten von Québec-City genauer anzuschauen - nur eben war es dunkel und nichts mit Fotografieren... Québec-City ist ja die älteste Stadt Kanadas - das heißt man begegnet manchmal sogar Gebäuden, die über 200 Jahre alt sind... Die Stadt hat in 6 Jahren - 2008 - ihr 400jähriges Gründungsjubiläum (das 300jährige wurde mit riesigem Aufwand gefeiert). Wenn ich irgendwann einmal Québec bei TAG sehe, werde ich wohl noch mehr sagen können...

Jetzt ist mittlerweile wieder seit zwei Wochen Schule - ich habe nichts Besonderes erlebt. Erwähnenswert ist vielleicht ein Wasserfall, der wenige Minuten von hier entfernte, also etwas außerhalb von Québec-City liegende "Chute Montmorency". Er hat immerhin eine Höhe von 83 Metern und ist schon beeindruckend - angeblich eine große Touristenattraktion (ich habe keine gesehen). Dieser Wasserfall ist damit höher als die Niagarafälle (ich hoffe noch) - nur eben nicht so ausgedehnt. Heute war ich natürlich wieder Skifahren - im Moment sieht es wieder mehr nach "richtigem" Winter aus - nur mit dem Sturm war's immer noch nichts... Um den Ahornsirup bin ich bisher auch noch rumgekommen :-)

Am 22. März habe ich das "Hotel de Glace" besichtigt, das hier circa eine Autostunde von Québec entfernt steht. Dieses Hotel ist eines der zwei einzigen seiner Art auf der ganzen Welt (das andere steht irgendwo in Nordschweden) und ist schon sehr beeindruckend, wenn es auch leider von außen sehr langweilig aussieht (Schneehügel) und zum größten Teil aus Schnee statt aus Eis besteht (offizieller Grund: Schnee isoliert - und abgesehen davon ist es billiger). Das Hotel beinhaltet eine Rezeption, eine Bar, eine Kapelle (schön zum Heiraten), einen Inuit-Raum, einen Raum mit diversen Skulpturen und 31 Zimmer, von denen 12 thematisch ausgestaltet sind z.B. mit einer Freiheitsstatue in "NY" oder Rosenornamenten in "Romantic" - natürlich alles aus Eis! Interessant sind auch die Gläser aus Eis - Blöcke mit circa 20x10x10 cm, in die in die Mitte ein Loch getrieben ist. Ich weiß nicht, ob sich jetzt jemand dieses verdammt kalte Hotel (Durchschnittstemperatur circa -5 - -7 Grad), in dem eine Übernachtung mehr als 200 Can$ (~150 €) kostet, vorstellen kann - auf jeden Fall war es faszinierend, was man so alles aus Eis machen kann.

Schule hier ist echt lustig - die haben im April eine Woche, wo sie nur Arbeiten schreiben - zwei täglich, jedes Fach. Wollt ich mal so sagen.
Sonst weiß ich mal wieder nichts mehr, ich freu mich schon auf Toronto und denk an alle glücklichen JBGler, die jetzt Ferien haben. Vielleicht gibt's nächstes Mal ja einen Schneesturm :-)


3. 3. 2002

ES REGNET!!!!!!!!!!! Durch die Stadt geht ein Schrei. Niemand kann das Unglück so richtig glauben, es dauert lange, bis der Schock überwunden ist und manche Menschen werden wohl ihr Leben lang damit zu kämpfen haben. Naja, um es kurz zu machen, das Entsetzen über den plötzlichen Regen am Sonntag morgen kann man sich nur vorstellen, wenn man sich überlegt, was wir denken würden, wenn Anfang März plötzlich die Freibadesaison anfangen würde. Es kommt mir echt so vor, als wäre das der erste Regen im Winter (ja Anfang März ist Winter!) seit 3 Generationen... Mittlerweile ist alles wieder im Lot, es hat wieder -15 Grad...

Mittlerweile bin ich über drei Wochen hier und es gibt natürlich viel zu erzählen. Der kulturelle Teil muss noch etwas warten, weil ich in der Beziehung noch nicht viel gesehen habe, hinter die Definition eines heutigen (jungen) Québecois (Ami oder nicht Ami) bin ich selbst noch nicht so wirklich gekommen und auch mit der Natur will ich bis nach Niagara warten, aber was einem hier schon nach einem halben Tag auffällt und worüber man nach drei Wochen auf keinen Fall mehr hinwegsehen kann, ist der grauenerregende "National"stolz eines Québecois. Das "National" schreibe ich natürlich in Anführungszeichen, aber nur weil ich glaube, dass diesen Bericht kein Québecois lesen wird, und, wenn doch, ich dann nicht in seiner Nähe bin. Einfach gesagt, ein Québecois ist ein Québecois. Und da liegt das Problem. Wir sagen sicher auch manchmal "ich bin Bayer" oder auch "ich bin Franke" aber kaum jemand hier würde, von einem Ausländer nach seiner Heimat gefragt, als erstes "Bayern" oder "Schleswig-Holstein" antworten, sondern das eher als Info dazufügen. Aber hier hören es die meisten Menschen gar nicht gern, wenn man von Kanada als ihrer Heimat spricht und reden von sich immer als "Québecois". Das gilt sicher nicht für alle, aber irgendwie ist es ein Grundsatz, von Québecois und nicht von Canadians zu denken. Natürlich gibt es für die Verstocktheit Gründe: Québec war ja eine französische Kolonie und wurde englisch, nachdem die Franzosen einen Krieg gegen England verloren hatten. Trotz aller Bemühungen wurde Québec nie unabhängig. Und was die Québecois vom englischen Westen - "Kanada" - halten, zeigen sie, vor allem in Umgang mit der "Weltsprache Englisch": Während es bei uns üblich ist, im Englischunterricht so bald wie möglich auch englisch zu reden, bemüht sich der Lehrer hier im soundsovielten Lehrjahr noch vergeblich, seinen Schülern eine Antwort auf englisch zu entlocken - es ist doch so viel einfacher, französisch zu reden. Es kommt natürlich auch vor, dass die Lehrkraft selbst nur Französisch redet, weil sie Englisch nur in der Theorie kann. Entsprechend sind die Fähigkeiten in Englisch: Viele Schüler und vor allem auch die, die sich schon lange nicht mehr durch den Englischunterricht quälen müssen, können es wirklich gar nicht oder nur die einfachsten Ausdrücke, wenn wirklich Not am Mann ist. Aber obwohl es heutzutage selbstverständlich sein sollte, mindestens eine Fremdsprache zu beherrschen, wird hier Englisch ignoriert - und mit anderen Sprachen kommt man an der Schule normalerweise nicht in Berührung. Und irgendwie funktioniert es, in einem Land mit der Staatssprache Englisch ohne irgendwelche Englischkenntnisse auszukommen: Schilder und alles Öffentliche ist sowieso französisch, die Fernsehsender auch - und wenn die Regierung redet - erstens ist es ja die Regierung von Kanada und deshalb lange nicht so interessant wie die von Québec und zweitens wird dann halt alles übersetzt. Ich kann mir zwar immer noch nicht vorstellen wie - aber es funktioniert. Früher muss es natürlich noch viel schlimmer gewesen sein - aber irgendwie ist das doch ein Staat - oder??? Natürlich fällt dazu die andere Seite stark ins Auge: Oft (bei einem Gespräch über irgendwelche Sachen, die anders sind als in Europa) kommt dann ein stolzes "wir sind eben Nordamerikaner" das irgendwie gar nicht in dieses Bild vom eigenständigen und selbstbewussten Québecois passt. Der Sieg der kanadischen Eishockeymannschaft gegen die USA am letzten Tag der olympischen Spiele war ein Anlass zu höchster Freude. Und natürlich trällern die gleichen Jugendlichen, die sich gerade noch geweigert haben, einen englischen Satz auszusprechen, in der Pause wieder die Lieder der englischen Bands mit. Ich blick da nicht so durch. So, das waren jetzt meine Überlegungen zum Thema Nationalstolz, objektiv eben. Das alles heißt natürlich NICHT, dass die Menschen hier nicht nett wären oder so. Alle, die ich kennengelernt habe, haben mich freundlich aufgenommen, sich für mich interessiert und NICHT so getan als ob sie die Besten wären, also die Leute sind nicht fremdenfeindlich oder so. Dann wären sie ja nicht so kompliziert - und es würde sich nicht lohnen, sie drei Monate zu beobachten und sich zu fragen, wie man sie jetzt beschreiben kann. Denn eigentlich sind es ganz normale Leutchen (was ist normal?). Mit der einen oder anderen Eigenheit eben. Ich muss wohl noch das eine oder andere Mal darauf zurückkommen.

So, wenn wir jetzt schon beim Thema USA waren, kommt jetzt die Antwort auf eine Frage, die wohl jeden beschäftigt wenn er nach Kanada kommt: Ist das hier so etwas wie USA 2 - bezogen auf Alkohol, Nikotin und Ausgehen? Ich war auch ziemlich verwundert, als ich eben gemerkt habe, dass es nicht so streng ist, wie man es immer von den Staaten hört: Meiner bisherigen Erfahrung nach ist es hier kein Problem, in den Restaurants alkoholische Getränke zu bekommen. Mein einziger solcher "Fall" war bisher, dass wir in ein Restaurant sind, und eine Freundin einen Cocktail bestellt hat, den sie auch ohne Probleme bekommen hat. Offiziell darf man ab 18 Jahren Alkohol trinken und kaufen, doch natürlich hat sie (17) ihren Cocktail anstandslos bekommen. Also: erst ab 18 ist es legal, aber die Regeln sind nicht so streng wie in USA, so ist es auch nicht so, dass in der Öffentlichkeit kein Alkohol geduldet wird oder so - anders als man es von den USA gewöhnt ist. Rauchen ist auch ab 18 legal, doch es rauchen auch Jüngere, ohne dass es Probleme gibt, was besonders an der Schule auffällt - es ist also später als bei uns legal, wird aber früher von der Schule geduldet. In Bars darf man auch mit 18 Jahren - und von Spielhöllen habe ich noch nichts gehört...

Im Moment sind hier Ferien - eine Woche - und das heißt für mich Skifahren und in den nächsten Tagen mal beginnen, Alt-Québec zu besichtigen. Ich gehe auch oft aus, eigentlich ist es so, dass man selten einen Abend am Wochenende oder in den Ferien daheim bleibt - und ständig geht man shoppen (ich komme dieses Wochenende auf zwei Mal). Was natürlich auch an den Öffnungszeiten liegt, die sich gut in eine Abendplanung einfügen: Unter der Woche haben die Geschäfte alle bis 21 Uhr offen, Samstag und Sonntag bis 17 Uhr, ein Supermarkt bei uns hat 7 Tage die Woche von 7 bis 23 Uhr offen.

So, das war's mal wieder, je nachdem was ich noch so alles Unvorhergesehenes erlebe (und wann ich zum ersten Mal wieder Ahornsirup essen muss...) gibt's in circa zwei Wochen wieder eine Fortsetzung mit unbekanntem Thema - heute Abend hat mir meine Gastfamilie ausführlich von den Schneestürmen erzählt, die ich noch zu erwarten habe...


17. 2. 2002

Nach einem langen Flug bin ich am Sonntag den 10. Februar um 23 Uhr Ortszeit bei meiner Gastfamilie in einem Vorort Québecs angekommen. Nachdem ich mich am Montag ausgeruht habe (6 Stunden Zeitverschiebung...) bin ich am Dienstag zum ersten Mal in die Schule.

Das Schulsystem hier ist in vielerlei Hinsicht anders als unseres:
Der Stundenplan ist in neun Tage geteilt (statt in 5) und ein Schultag läuft ab wie folgt: Beginn um 9 Uhr, Ende um 15.45 Uhr. Dazwischen ist Unterricht wie folgt: 1. Stunde bis 10.15 Uhr, dann Pause bis 10.30 Uhr, 2. Stunde bis 11.45 Uhr. Dann Mittagspause bis 13 Uhr, 3. Stunde bis 14.15 Uhr, Pause bis 14.30 Uhr, 4. Stunde bis 15.45 Uhr. Für mich sind die Stunden natürlich extrem lang (ach wie schön ist es doch bei uns :-)) - und abgesehen davon find ich auch, dass die Pausen viel zu viel sind. Mittags hängt man eigentlich nur rum - und die 15 Minuten nach jeder Stunde sind auch etwas übertrieben. Die Stunden selbst laufen eigentlich, egal welches Fach oder welcher Lehrer, immer nach dem gleichen Schema, höchstens in abgewandelter Reihenfolge ab: Neuer Stoff wird durch ewig lange Monologe von seiten des Lehrers vermittelt, und wo bei uns Mitarbeit erwartet wird, redet er einfach allein, sogar ohne Fragen zu stellen. Dann bekommen die Schüler einen Arbeitsauftrag - ewig lange Stillarbeit. Die Verbesserung solcher Arbeiten oder der Hausaufgabe läuft immer so ab, dass der Lehrer die Lösungen vorträgt, vielleicht noch ein paar erklärende Worte sagt - aber kaum jemals einen Schüler nach der Lösung fragt. Die schreiben die Lösungen brav mit und es ist zu bezweifeln, dass sie immer den Sinn verstehen. Abfragen gibt es keine, so dass ich eigentlich nicht glaube, dass die Schüler in der Schule sonderlich viel lernen, wenn sie nicht gerade sehr motiviert sind.

Ich hoffe, meine Beschwerden über die Schule geben nicht den Eindruck, dass hier alles so fragwürdig ist - bekanntermaßen gibt es ja noch andere Dinge :-)). Beeindruckend ist natürlich der Winter an sich - es hat -5 bis -10 Grad °C und ich bekomme an allen Ecken und Enden zu hören: "C'est pas froid! Pour nous, il fait très, très chaud!" - Ich bin erkältet... Am Wochenende fährt hier alle Welt Ski auch wenn es nur einen einzigen Berg gibt - nicht höher als ein Berg des Odenwalds... An meiner Schule gehen die jüngeren Jahrgänge (einschließlich der "10." - 4.) zwei Tage die Woche Skifahren statt in die Schule.

Etwas ganz Besonderes ist der Carnaval de Québec, der in diesem Jahr vom 1. - 17. Februar gedauert hat. Es gibt viele Attraktionen, unter anderem ein Schloss aus Eis, Schneeskulpturen und die Möglichkeit, mit Reifen eine präparierte Schneepiste hinunterzugleiten. Am 16. Februar war der große Umzug, der ca. 1 1/4 Stunden gedauert hat und zu dem 145000 Menschen da waren.




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