Das G8 in Bayern
Seiten der Landeselternvereinigung Bayern
Viele Fragen offen und noch viel mehr Befürchtungen -
Personalräte der vier Gymnasien im Landkreis Miltenberg halten das achtjährige Gymnasium für einen folgenreichen Schnellschuss
K r e i s M i l t e n b e r g . Für einen Schnellschuss, der viele offene Fragen in sich birgt, halten die Personalräte der vier Gymnasien im Landkreis Miltenberg die Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8) in Bayern. Die Vertreter des Johannes-Butzbach-Gymnasiums Miltenberg, des Karl-Ernst-Gymnasiums Amorbach, des Hermann-Staudinger-Gymnasiums Erlenbach und des Julius-Echter-Gymnasiums Elsenfeld haben ihre Bedenken und Befürchtungen in einer Pressemitteilung formuliert.
Nach Auffassung der Personalräte müssen die schulischen Reformvorhaben länger durchdacht und erprobt werden. Insbesondere verstehen sie nicht, dass in Bayern noch im September 2003 neue Lehrpläne in Kraft traten - mit allen Konsequenzen wie Einrichtung von neuen Fächern und Auflegen von neue Büchern - und von der Regierung schon zwei Monate später rückwirkend die Einführung des G8 verkündet wurde. »Warum wurden die mit erheblichem Aufwand und Engagement begonnenen Schulversuche wie zum Beispiel das Europäische Gymnasium in Amorbach einfach abgebrochen, ohne Ergebnisse abzuwarten und Erfahrungen Gewinn bringend weiterzugeben?«
Skepsis besteht, ob es überhaupt möglich ist, innerhalb weniger Monate einen neuen, durchdachten Lehrplan zu erstellen, zumal für den letzten Lehrplan vier Jahre benötigt wurden. Außerdem fragen sich die Personalräte, ob die Durchlässigkeit zwischen den Schularten - etwa ein Wechsel zur Realschule oder zur Fachoberschule - noch gewährleistet ist.
In der Pressemitteilung wird bemängelt, dass der verstärkte Nachmittagsunterricht an zwei bis vier Tagen auf Kosten des Familien-, Vereins- und außerschulischen Lebens gehe. Gerade die eifrigen Schüler gäben schon in den Vormittagsstunden alles, seien daher am Nachmittag auf eine lange Pause angewiesen und nicht mehr aufnahmefähig. Aktivitäten in Sportvereinen, soziales Engagement etwa in Jugendgruppen sowie Tätigkeiten im kulturellen Bereich würden drastisch reduziert werden müssen, in manchen Fällen ganz entfallen.
Viele Probleme seien im Landkreis Miltenberg nicht gelöst. So fehlten Verpflegungsmöglichkeiten beziehungsweise Caféterias für Schüler; es sei unklar, wie der Busverkehr im neuen Schuljahr neu organisiert und finanziert werden solle.
Viele Aktivitäten im schulischen Leben könnten mit der Einführung des G8 dem Rotstift zum Opfer fallen, weil Schüler und Lehrer dazu keine Zeit mehr hätten. Als Beispiele wird das Mitwirken am Mittel- und Oberstufenchor oder am Orchester des Butzbach-Gymnasiums sowie an den Theatereinproben des Julius-Echter-Gymnasiums genannt. Insgesamt bietet jedes der vier Gymnasien bis zu 20 zusätzliche Wahlfächer und Arbeitsgemeinschaften an, die meist am Nachmittag stattfinden und für die bei der Einführung des G8 in der vorgesehenen Form einfach kein Platz mehr sei.
Auch Projekte, die die soziale Kompetenz der Schüler fördern, könnten auf der Strecke bleiben. Hier erinnern die Personalräte an das Projekt »Begegnung der Generationen« am Hermann-Staudinger-Gymnasium Erlenbach. Sicherlich werde das Fahrtenprogramm von der 5. bis 13.Klasse der weiterführenden Schulen auf dem Prüfstand stehen.
Die Komprimierung des Unterrichts in einem achtjährigen Gymnasium geht nach Ansicht der Personalräte auch zu Lasten der Entwicklung der Schülerpersönlichkeiten. Nach der Lehrplan-Neugestaltung im September 2003 sollten zeitaufwändige Methoden zu Teamfähigkeit und gesteigerter Persönlichkeitsentwicklung beitragen. »Sind diese hochgesteckten Ziele im G8 vermittelbar und realisierbar oder werden sie einem angeblichen Diktat der Wirtschaft, die nur auf Effizienz schielt, geopfert?«, fragen sich die Personalräte.
An konkreten Fragen ergibt sich für sie: Wie soll bei der Streichung einer Vielzahl von Stunden in Deutsch, Fremdsprache, Mathematik die bisherige Fachkompetenz aufrecht erhalten werden? Können die Naturwissenschaften - zusammengefasst in »Natur und Technik« - ihren Standard halten oder steigern? Können Intensivierungsstunden und Seminare in der Oberstufe die Defizite aus der Unter- und Mittelstufe auffangen?
Schließlich befürchten die Personalräte der vier Gymnasien im Landkreis, dass die geplante Arbeitszeiterhöhung um etwa 15 Prozent viele Lehrer über ihre Grenzen hinaus belasten werde. Sie verweisen auf die unabhängigen Kienbaum-Studie, nach der entgegen der landläufigen Meinung die durchschnittliche Lehrerarbeitszeit unter Einbeziehung der Ferientage bereits jetzt bei über 46 Stunden pro Woche liege.
Durch das G8 würden Arbeitsbedingungen geschaffen, die zu den Forderungen konträr sind, die aus der PISA-Studie abgeleitet wurden. Die pädagogische Qualität des Unterrichts, schulische Projekte und das vielschichtige außerunterrichtliche Angebot von Fahrten, Theateraufführungen bis zu den Musicals würden darunter leiden. Als Folge, heißt es in der Pressemitteilung, würden sich noch weniger junge Menschen für den Lehrberuf entscheiden.
(Quelle: Bote vom Untermain, 10.01.2004)
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