Das Schweigen gebrochen



Auschwitz-Überlebender Otto Schwerdt erzählt


Kreis Miltenberg. Nach 50 Jahren hat er sein Schweigen gebrochen und ein Buch geschrieben - Otto Schwerdt, Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, hatte den Schülern des Johannes-Butzbach-Gymnasiums am Dienstag sehr viel zu erzählen.

Eindrucksvoll schilderte der 82-Jährige vor den Schülerinnen und Schülern der 10. und 13. Klasse des Gymnasiums seine Erlebnisse und stand ihnen Rede und Antwort. Auf Wunsch seiner jüngsten Tochter habe er das Buch "Als Gott und die Welt schliefen" mit ihr zusammen verfasst, erzählte er. Schüler und Lehrer hörten dem aus Braunschweig stammenden Zeitzeugen gespannt zu, der zu Beginn Auszüge aus seinem Buch vorlas. Durch die ausgewählten Passagen bekamen die Zuhörer einen Eindruck von den Erlebnissen im Ghetto Dombrowa, im Außenlager Fünfteichen und beim so genannten Todesmarsch. Schwerdt, am 3. Januar 1923 als mittleres von drei Kindern einer jüdischen Familie in Braunschweig geboren, floh mit seiner Familie im Jahr 1936 nach Kattowitz in Polen. Drei Jahre später wurden er, seine Eltern und seine Geschwister gezwungen, ins Ghetto Dombrowa zu ziehen. 1941 wurde Otto Schwerdt ins Zwangsarbeitslager Sosnowitz bei Breslau gebracht, später ins Ghetto Srodula. Als die SS dieses Ghetto im Jahr 1943 auflöste, wurden Schwerdt und seine Familie schließlich ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Seine Mutter und Geschwister überlebten nicht. 1948 ging Schwerdt für sechs Jahre nach Israel und heiratet dort seine Frau Gela. 1954 kehrte er nach Deutschland zu seinem an Krebs erkrankten Vater zurück. Schwerdt hat sich seitdem im Vorstand der dortigen jüdischen Gemeinde engagiert. Sein Eintreten für die Versöhnung wurde auch mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Hatte er als KZ-Häftling Hoffnung auf Befreiung, wollte ein Schüler wissen. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", antwortete Schwerdt, doch auch nach dem Krieg habe er immer noch Angst gehabt. Ein Schüler wollte wissen, ob Schwerdt eine Vorahnung gehabt habe, dass der Antisemitismus solche Auswirkungen haben würde. Schwerdt erzählte dazu, dass er im Alter von neun Jahren Hitler vor dem Fenster gesehen habe. "Wenn ich damals gewusst hätte, was er im Schilde führt, hätte ich einen Blumentopf auf ihn geschmissen", sagte er. Schwerdts Äußerung, dass er es als seine Pflicht ansehe, der Jugend zu sagen: "Schaut, dass so etwas nie mehr passiert" und "Wählt nicht den braunen Sumpf" beeindruckte die Schüler. Auch Humor, so Schwerdt, habe es zu Zeiten des Ghettos und der Vernichtungslager gegeben. So verriet er, dass die Häftlinge sich untereinander auch Witze erzählt haben. Gerhard Schneider überreichte dem sympathischen Besucher eine Flasche Rotwein und dankte ihm für seine Offenheit und Ehrlichkeit. Abschließend hatten die Schüler die Gelegenheit, einen Blick auf die Tätowierung der Häftlingsnummer Schwerdts zu werfen. Außerdem bekamen sie ein signiertes Buch mit einer Widmung. Anja Krischke hatte den Kontakt zu Otto Schwerdt hergestellt und gemeinsam mit Dr. Heiko Gröger den Besuch in Miltenberg ermöglicht.

(Christina Schmitz, Bote vom Untermain, 03.03.05)

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