Mit List und Lust und LeidenschaftOberstufentheater des JBG bringt Aristophanes »Lysistrata«bravourös auf die Bühne |
K r e i s M i l t e n b e r g . »Frauen an die Macht« - dieser Slogan stammt zwar nicht aus der Antike, beschreibt aber treffend worum es in Aristophanes Komödie »Lysistrata« geht. Dieses Stück brachte das Oberstufentheater des Johannes Butzbach Gymnasiums am Mittwoch einfallsreich und phantasievoll auf die Bühne. Kann eine griechische Komödie, die 411 vor Christus uraufgeführt wurde, heute noch aktuell sein, fragt Rektor Joachim Fertig das Publikum. Sie kann. Wir stecken mitten im Peloponnesischen Krieg, Athen und Sparta kämpfen um die Vormachtstellung im antiken Griechenland. »Lysistrata« thematisiert den Kampf der Frauen aller verfeindeten Städte gegen die Männer: Mit Liebesentzug wollen die Frauen dem Krieg und dem Leiden ein Ende machen. Eva Bauer verkörpert die Lysistrata, die gleich zu Beginn des Stücks die Frauen aus Theben, Korinth und Sparta für die Idee des Sexentzugs begeistert: »Wir werden Zuhause sitzen, in unserem verführerischsten Kleid und unsre Männer scharf machen, dann aber nicht mitmachen und sagen: Macht erst Frieden«, erläutert Lysistrata ihren Plan. Keine Frage, dass die Frauen auch den Kriegsschatz in ihre Gewalt bringen. Die Männer überrascht die Verführung und die Gegenwehr ihrer Gemahlinnen. Doch »wir Frauen können alles«, verkündet Lysistrata und verweigert den Männern den Zugang zur Kriegskasse: »Das Geld ist der Grund des Krieges und allen Unheils«. Der Ratsherr versteht die Welt nicht mehr und so erklärt die Heldin, dass die eigentlichen Leidtragenden des Krieges die Frauen seien, deren Kinder später in den Krieg ziehen müssen. Lysistrata weiß, dass es den Männern weniger um Krieg oder Frieden geht, als um harte Fakten. Zum einen brauchen sie den Kriegsschatz aus ökonomischen Interessen - zum andern sind da die körperlichen Beeinträchtigungen, die der Liebesentzug mit sich bringt. Letzteres stellen die Darsteller in verkrampften Haltungen so eindrucksvoll dar, dass sich das Publikum vor Lachen kaum halten kann. »Dafür lass ich sogar das Hollandspiel sausen«, gibt ein Zuschauer zu. Nach einer kurzen Pause macht das Lustspiel seinem Namen zunehmend Ehre. Die Dialoge waren zwar schon zu Beginn mit eindeutig-zweideutigen Anspielungen gespickt, doch im zweiten Teil laufen die Akteure zu Höchstleistungen und ganzer Leidenschaft auf. Die sexuelle Verweigerung der Frauen hält schon eine Weile an und nicht nur die Männer lechzen nach Zweisamkeit. Immer wieder ertappt die eiserne Lysistrata ihr Kolleginnen dabei, wie sie abtrünnig werden wollen: »Ach, der Frauen lüsterne Natur, sie sind alle mannstoll geworden«. Wiederholt kommt es zur Konfrontation beider Geschlechter, umgesetzt mit viel Gewandtheit und Wortwitz. Fragt der Chorführer frech: »Alte, willst du von mir einen Schmatz?« Darauf sie: »Dann brauchst du nachher Zahnersatz!« Weil es so nicht weitergehen kann, werden aus allen Teilen Griechenlands Gesandte zu Lysistrata geschickt und am Ende steht die Einsicht: »Soviel der Krieg uns galt, die Liebe gilt uns mehr« - und sind bald alle im Frieden vereint. Nach fast zwei Stunden endet das Stück in einem rauschenden Freudenfest und dem mahnenden Monolog Lysistratas. Sie erinnert daran, dass damals wie heute auf der ganzen Welt grausame Kriege toben, die vielleicht manchmal ganz einfach beendet werden könnten, wenn die Menschen nur zusammen hielten und sich gegenseitig daran erinnerten, dass es Wichtigeres im Leben gibt. Der Regisseurin Birgit Kindermann ist es mit dieser Aufführung gelungen, die antike Komödie Aristophanes in ein erfrischendes und urkomisches Theatererlebnis zu verwandeln, das jede Minute des Abend wert war. (Quelle: Cora Leimeister, Bote vom Untermain, 24.06.2006) |