"Bei gewissen Regeln mit mehr Maß arbeiten"

Abgeordnete vom Untermain stellen sich am Europatag den Fragen von Gymnasiasten aus Miltenberg, Erlenbach und Elsenfeld

K r e i s   M i l t e n b e r g .   Oberstufenschüler von drei Gymnasien im Landkreis haben am Montag mit Kommunal-, Landes- und Bundespolitikern über die Europäische Union diskutiert. Anlass war ein bundesweiter Aktionstag, der das Thema Europa stärker ins Bewusstsein der Schüler bringen sollte.

Reisefreiheit, ein Leben in Frieden und Studienmöglichkeiten im Ausland: Nach den Worten des hiesigen SPD-Landtagsabgeordneten Dr. Heinz Kaiser sind das vor allem für junge Leute die zentralen Errungenschaften der Europäischen Union (EU).

Intensiv auf Diskussion vorbereitet

Der Politiker war am Montag zu Gast am Miltenberger Johannes-Butzbach-Gymnasium. Gemeinsam mit dem CSU-Kreisvorsitzenden und Landtagsabgeordneten Berthold Rüth stellte er sich den Fragen von über 100 Schülern der Stufen zwölf und 13. Die hatten sich zuvor im Unterricht intensiv auf die Diskussion mit den Politikern vorbereitet.
Von ihnen wollten sie etwa wissen, warum der Entwurf einer europäischen Verfassung bei den EU-Bürgern so wenig Zustimmung findet. Sie fragten auch, ob sich die Gemeinschaft zu einem einzigen Staat zusammenfinden könnte, der etwa die heutige Bundesregierung überflüssig machen würde. Letzteres schloss CSU-Mann Rüth aus. "Es wird keinen Einheitsstaat mit zentraler Regierung geben", sagte er. Und Heinz Kaiser erklärte, die Debatte um die EU-Verfassung sei nicht gescheitert. Der Sozialdemokrat regte an, hierzu die Bürger aller beteiligten Staaten abstimmen zu lassen. Unverständnis äußerten die angehenden Abiturienten über diverse EU-Richtlinien, die etwa arme rumänische Bauern zwingen, ihre Pferdefuhrwerke mit Blinkern auszustatten. Rüth und Kaiser räumten ein, dass bei gewissen Regeln mit mehr Maß gearbeitet werden müsste. In diesem Zusammenhang kritisierten sie die Medien, die mit "kleinkarierten Dingen Stimmung gegen Europa" machten. Denn grundsätzlich gelte: "Wer an gemeinsamen Märkten teilnehmen will, muss einheitliche Regeln akzeptieren", so der CSU-Politiker Berthold Rüth. Das gelte auch für Straßenverkehrsregeln, ergänzte Kaiser.

Neben den beiden Politikern kam zum so genannten Europatag auch Karin Friemel an das Miltenberger Gymnasium. Sie absolvierte dort vor 23 Jahren ihr Abitur und arbeitet mittlerweile als Dolmetscherin bei der EU-Kommission in Brüssel. "Wir haben sie zu dem Aktionstag eingeladen, um den Schülern auch berufliche Perspektiven bei der Europäischen Union zu zeigen", sagt Lehrer Werner Kimmel. So besuchte die Ex-Schülerin die elften Klassen, um ihnen von ihrem Werdegang und ihrer Arbeit in Brüssel zu berichten.



Am Elsenfelder Julius-Echter-Gymnasium unterrichtet Harald Fischmann Geschichte und Ethik. Seine Schüler bereitete er ebenfalls auf eine Diskussion mit Politikern am Europatag vor. "Wir wollen sie zur EU-Verfassung, zum Türkei-Beitritt und zur Ost-Erweiterung befragen", so Fischmann. Der Pädagoge räumte ein, dass diese Themen kaum mit der Lebensrealität seiner Schüler zu tun hätten. Der europäische Gedanke sei bei ihnen nur wenig verankert.

Diskussion mit Politikern wichtig

Der von Bundeskanzlerin Angela Merkel initiierte Aktionstag könne aber helfen, Europa stärker in den Fokus der jungen Leute zu rücken. Der eher theoretische Ansatz, mit dem seine Schüler den Abgeordneten begegneten, war aus Sicht von Lehrer Fischmann nicht so entscheidend. "Wichtiger ist, dass sie lernen, mit Politikern zu diskutieren", sagte er.
So befragten über 160 Oberstufenschüler aus Elsenfeld und Erlenbach am Montag die Bundestagsabgeordnete Heidi Wright (SPD), den Vorsitzenden der Grünen-Fraktion im Kreistag, Jens Marco Scherf, sowie CSU-Mann Berthold Rüth. Letzterer betonte die Bedeutung einheitlicher Werte in der EU: "Wir wollen weder Folter noch Verstöße gegen die Menschenrechte". Grünen-Kommunalpolitiker Scherf erklärte, ein Scheitern der EU-Verfassung wäre auch "kein Beinbruch". Er wies darauf hin, dass der vorliegende Verfassungsentwurf die beteiligten Staaten zur militärischen Aufrüstung auffordere. Heidi Wright sagte, es werde so lange verhandelt, bis es die erforderliche Mehrheit für die Verfassung gebe.

(Quelle: Dirk Rüsing, in: Bote vom Untermain, 24.01.2007)
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