Schon Kinder werden "global aufgestellt"

Vortrag: Julia Friedrich macht sich im Miltenberger Gymnasium auf die "Spuren der Mächtigen von morgen"


Miltenberg. Andere Abiturklassen organisieren Partys, um Geld für ihre Abiturfeier zusammen zu bringen, die nächstjährigen Abiturienten des Johannes-Butzbach-Gymnasiums Miltenberg setzen ganz auf Kultur: Zum zweiten Mal boten sie am Donnerstag eine Veranstaltung an, die sie vorbereitet hatten und bei der stellvertretend für die K 13 Clemens Bauer und Vanessa Schreckenberg in der Aula zahlreiche Zuhörer begrüßen.
Die Referentin des Abends, Julia Friedrich, hat vor einigen Monaten ein Buch geschrieben, das inzwischen die achte Auflage erreicht hat und mit 60 000 verkauften Exemplaren zu den Bestsellern gehört. Die 28-jährige Journalistin, von der atmosphärisch dichte und informative Reportagen beim WDR stammen, hat mit ihrem "Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen" ein Thema gefunden, das viele Menschen interessiert. Es geht um diejenigen, die sich selbst für die Elite halten - um Eltern, die ihre Kinder schon im Babyalter in Elitekindergärten schicken und dafür im Monat bis zu 1000 Euro zahlen, damit dort ihren dreimonatigen Babys Englisch beigebracht wird oder ihre zwei- bis vierjährigen Kinder lernen, Powerpoint-Präsentationen zu produzieren - egal, was sie präsentieren können.
Ob die "Fast Track Kids" in Berlin oder die "Little Giants", die schon deutschlandweit in 18 Filialen verbreitet sind - Kleinkind-Eliteschmieden boomen. Erst recht gilt das für Eliteschulen, für die "Karrierecoachs" für Oberstufenschüler und für die Elite-Unis, wie beispielsweise die European Business School in Oestrich-Winkel, wo die Autorin selbst bei ihren Recherchen am Eingang fast von jugendlichen "Eliten" abgewiesen worden wäre, weil ihre Jeans dem "Dresscode" des Instituts so gar nicht entsprachen.

Ganz verräterisch ist die Sprache der Eliten-Trainer. Von "Minderleistern" ist die Rede, Menschen werden in Gewinner und Verlierer eingeteilt, schon Kinder werden "global aufgestellt". "Ich muss den Gorilla sehen" ist ein Code für diese Kreise - denn nur wer beim Beobachten von Filmszenen den Gorilla im Bild gesehen hat, hat sich nicht ablenken lassen, gehört also zur Elite. Genau dieser Elitenbegriff wurde von Julia Friedrich recht überzeugend zur Diskussion gestellt - auch in der anschließenden Gesprächsrunde. Sie, die vor vier Jahren allen Verlockungen der renommierten Unternehmensberatung McKinsey widerstanden hat, mit einem Anfangsgehalt von 67 000 Euro und einem Dienstwagen die eigene Persönlichkeit auf dem Altar der vermeintlichen Elite zu opfern, ihre "spezifische Hartnäckigkeit" zugunsten stromlinienförmigen Funktionierens aufzugeben und bedenkenlos als Berater Menschen zu entlassen, um ein Unternehmen zu sanieren.

Sie hat an sich selbst gemerkt, wie verführerisch die materiellen Verlockungen der Elite-Institute sein können. Ihre Skepsis gegen die vermeintlichen Eliten hat das nur gestärkt. "Das Label Elite dürfte eigentlich eher am Ende eines Lebens vergeben werden, wenn jemand viel geleistet und etwas für die Gemeinschaft bewegt hat", formulierte die junge Journalistin, die in Berlin in einer Wohngemeinschaft lebt und mit viel Humor von den Versuchen berichtet, Mäuse zur Strecke zu bringen - ein echtes Alternativmodell gegen McKinsey. Jemand, der so etwas sagt, passt wirklich nicht zu Elitecoaches, aber er hat künftigen Abiturienten einiges zu sagen.

Eine Reportage von Julia Friedrich über Leiharbeit ist am Montag, 27. Oktober, um 21 Uhr in der ARD zu sehen. Ihr Buch heißt "Gestatten: Elite. Auf der Suche nach den Mächtigen von morgen", hat 255 Seiten und ist bei Hoffmann und Campe für 17,95 Euro erschienen.

(Quelle: Heinz Linduschka, in: Bote vom Untermain, 18.10.2008)

[Startseite]