20 Jahre Mauerfall -
Unterricht einmal
anders:
Lehrer als Zeitzeugen vor Schülern der Q11 am
Johannes-Butzbach-Gymnasium Miltenberg
Im Medienraum des
Johannes-Butzbach
Gymnasiums hängen Plakate: Die Flagge der DDR, FDJ (Freie deutsche
Jugend), das
SED-Zeichen und ein paar Bilder der Berliner Mauer - bunt bemalt und
ansprechend gestaltet.
Das Leben in der DDR
gestaltete sich
aber eher weniger bunt und abwechslungsreich: Frau Kühl, heute
Lehrerin für Deutsch und Französisch am JBG, gibt uns (wie
zuvor den Schülern der K12 und der K13) einen Einblick in das
Leben im Osten - in dem sie aufgewachsen ist anhand von Fotos,
Urkunden und weiteren originalen Relikten. Ergänzt wird der
Vortrag durch Herrn Kimmel, der die DDR aus der Sichtweise
schilderte, wie er sie als Schüler durch einen
Ost-Berlin-Aufenthalt im Jahre 1974 kennen lernte. Daneben hören
und sehen wir Original-Dokumente aus dieser Zeit, die die Welt
veränderte.
Der Unterrichtsbeginn
um 7:55 Uhr lief
nach einer klaren Struktur ab: Der Schüler, der Ordnungsdienst
hatte,war dazu beauftragt dem Lehrer am Anfang der Stunde Meldung zu
erstatten: "Die Klasse Q11 ist vollständig zum Unterricht
bereit!"
Gleichzeitig entbot
er dem Lehrer den
Pioniergruß: Hierbei wird der Daumen der rechten.gestreckten
Hand an die rechte Stirnseite angelegt.
Daraufhin sprach der
Lehrer die Worte:
"Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!" und die Klasse antwortete
mit einer Stimme: "Immer bereit!"
Montags versammelte
sich die gesamte
Schule zum Fahnenappel, bei dem die FDJ durch die Jungpioniere
begrüßt wurde.
An jedem
Freitagnachmittag um 15:00 war
es dann eine ehrenvolle Aufgabe für jede Klasse, in einem
eigenen Bezirk Altwaren, Altglas, Altpapier oder Aluminium zu
sammeln.
Hierauf wurden die
Schüler bereits
in der 1. Klasse vorbereitet, wie uns Frau Kühl durch ein
kleines Diktat aus der 1. Klasse aufzeigte: "Die Jungen kommen
mit kleinen Wagen, die Mädchen haben große Taschen.Was
wollen die Pioniere machen?"
Eine weitere Aufgabe
fiel der 3. Klasse
zu, diese musste das Ehrenmal der Schule sauber halten.
Durch all diese
Aktionen wurde bereits
den kleinen Schülern der Stolz auf ihr Land, die DDR, und
seinem System beigebracht.
Verwundert erfuhren
die Schüler
des JBG, dass außer den auch heute gängigen Fächern
als erste Fremdsprache Russisch, in späteren Jahren auch
Astronomie sowie Produktives Arbeiten -Einführung in die
sozialistische Produktion und Staatsbürgerkinde unterrichtet
wurden. Die englische Sprach war, wie Herr Kimmel unter Hinweis auf
die Liedkultur auch der Jugend betonte, in diesem System sehr
unbeliebt bzw. sogar untersagt.
Es bestand zwar kein
Zwang in eine
Pioniergruppe einzutreten, der Vorstufe zur FDJ (Freie Deutsche
Jugend), aber es brachte doch einige Vorteile mit sich. Bis sich das
gesamte System ab 1972 durch die Ost-Verträge zwischen der
Bundesrepublik-Deutschland und Polen, der UdSSR sowie der DDR ein
wenig lockerte wurden die Nichtpioniere oder auch im höheren
Alter die Nicht-Parteiangehörigen oft im System der DDR
benachteiligt und ausgegrenzt. So erhielten Pioniere in den 50-er und
60-er Jahren fast automatisch bessere Noten. Diese positiven
Veränderungen konnte Frau Kühl an ihrer eigenen schulischen
Laufbahn nachvollziehen.
Ihre Eltern jedoch
bekamen noch zu
spüren, dass sie keine Parteimitglieder waren. Sie mussten neun
Jahre lang warten, bis sie eine größere Wohnung, eine
sogenannte Drei-Raum-Wohnung, beziehen konnten.
Nicht nur auf eine
Wohung musste man
lange warten - die meisten Dinge, z.B Früchte gab es nur zu
bestimmten Zeiten, d.h. einmal im Jahr. Vieles, was es in der DDR
gab, war im Westen von einer besseren (geschmacklichen) Qualität.
Dank westlicher Kontakte verfügte die Familie immer wieder über
Kaffee, Jeans und Spielzeug, wie Frau Kühl aufgrund einer
Paket-Liste darlegte, die jedem Paket beigelegt werden musste. Die
Freude über diese Dinge sei sehr groß gewesen, genauso wie
die Menschen der DDR sich über kleine Dinge mehr freuten als
heute, so Frau Kühl.
Erstaunt waren die
Schüler der Q11
als sie hörten, welche schwierigen Prozeduren man über sich
ergehen lassen musste, bis man eventuell einen Besuch eines
Verwandten aus dem Westen erhalten konnte. Es musste ein konkreter
Anlass her (ein runder Geburtstag oder ein Begräbnis) und lange
Zeit vorher war ein Antrag zu stellen. Allerdings handelten die
Beamten zum Teil so willkürlich, dass man sich nie sicher sein
konnte diesen auch genehmigt zu bekommen.
Dieses Mistrauen in
die eigenen Bürger,
die Durchdringung der Gesellschaft von 17 Millionen Menschen mit ca.
10 Prozent Spitzeln, sogenannten IMs (Informelle Mitarbeiter) führte
auch zur Entstehung des Ärgers mit dem System, dem Wunsch nach
freier Reise durch insbesondere junge Menschen. Aus diesem Unmut
erwuchs der Anfang vom Untergang der DDR und des gesamten Ost-Blocks.
Wie schnell man aus einem jungen Menschen zu einem Zeitzeugen von
Zuständen mit globaler Tragweite werden konnte, erfuhren so die
Schüler des JBG auf eindrucksvolle Weise und quittierten dies
nach neunzig Minuten mit einem großen Beifall.
Katharina Walter, Q11
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