Spannender Krimi, emotionale Studienfahrt und Poetry Slam

Jugend-Literaturlesung: Florian Müssig gewinnt zwölfte Auflage des Nachwuchswettbewerbs - Acht Beiträge von hoher Qualität in verschiedenen Stilen



Florian Müssig überzeugte bei der Jugendliteraturlesung 2010


Miltenberg. Trotz großer Konkurrenz durch die Fußball-Champions-League hat am Mittwoch die Literatur in Miltenberg eine Reihe Interessenten gefunden: Fast 150 Besucher waren in den Panoramasaal der Sparkasse in Miltenberg gekommen, um bei der zwölften Literaturlesung des Landkreises zu hören, was je zwei Teilnehmer aus den vier Landkreisgymnasien an eigenen Texten vortrugen.

Sieger wurde Florian Müssig, Elftklässler am Johannes-Butzbach-Gymnasium (JBG). Nur selten hat es bislang eine so einheitlich gute Qualität bei einem so großen Spektrum an Stilen, Gattungen und Themen gegeben. Florian Müssig las eine sauber erzählte, spannende Kriminalkurzgeschichte mit dem Titel »Das Leben schreibt die besten Geschichten«. Darin wird der Literaturkritiker Alex Schreiner nach dem Verschwinden seiner Frau in ein Verwirrspiel hineingezogen, in dem die Grenzen zwischen Literatur und Leben verschwimmen. Die spannende Schlussvolte sorgte vermutlich für die entscheidenden Kreuze auf den Stimmzetteln des Publikums. Klares, sicheres, traditionelles Erzählen und knorrige, knappe Dialoge zwischen Männern, die stellenweise an Chandler-Texte erinnern, zeichnen Müssigs Stil aus.

Planwirtschaft wird ausgelacht

Ganz anders war der Auftritt von Patrick Seidler vom Julius-Echter-Gymnasium (JEG) Elsenfeld. Der 19-Jährige bewies großes Entertainertalent, als er seine zum Teil englischen Gedichte und Prosaskizzen wie in einem Kaleidoskop im besten Poetry-Slam-Stil vortrug. Und Hans-Peter Kehrer, Vorstandsmitglied der Sparkasse Miltenberg-Obernburg, schmunzelte, als Seidler formulierte: »Komm, wir spielen Marktwirtschaft - einer, der wird ausgelacht. Komm, wir spielen Planwirtschaft - alle werden ausgelacht.« Franziska und Paula Grohmann aus Klingenberg, beide 19 Jahre alt und Schülerinnen der 13. Jahrgangsstufe des JBG, konnten mit ihrem konzentrierten Auftritt zu selbst komponierter Hintergrundmusik überzeugen. Sie boten eine zurückhaltende Choreografie und klar formulierte Sätze, die den Gegensatz von Freiheitsstreben und Sicherheitsdenken beschworen und unterschiedliche Lebensweisen in Worte fassten. Isabelle Caps-Kuhn (17), Elftklässlerin am JEG, bekam von den älteren Zuhörern ebenso viel Beifall wie von ihren Altersgenossen, als sie humorvoll und selbstironisch vom schweren Los der Lehrerkinder sprach: »Schutzlos und unbemerkt von Geburt an der Erziehung Verrückter ausgesetzt, kann man einfach keine leichte Kindheit haben. Deshalb erkennt man sie auch so einfach, die Lehrerkinder. Sie stechen heraus. Sie sind anders. Und ich muss es wissen, denn ich bin eins von Ihnen.« Leander Büttner (17 Jahre), ebenfalls Elftklässler am JEG; bot eine moderne Version der Handke’schen »Publikumsbeschimpfung«, als er in ernstem Ton beklagte, dass die Menschen gedankenlos ihr Leben auf Kosten der Ameisen führen. Immer wieder seine Mahnung ins Publikum: »Auch Sie machen sich schuldig.«

Erinnerungen an die Kindheit

Fabian Hörst (17), Klassenstufe elf am Hermann-Staudinger-Gymnasium (HSG) Erlenbach, präsenterte »Das Ende vom Anfang« als einen roten Faden durch seine Kindheitserinnerungen, die vom Tod des Großvaters und der Großmutter geprägt waren. Sehr mutig und expressiv war der Auftritt der 20-jährigen Johanna Lerke, Abiturientin am Karl-Ernst-Gymnasium (KEG) Amorbach. Von einem »Tanz der Hormone« sprach sie in den sprachlich durchaus anspruchsvollen und innovativen »Impressionen einer Studienfahrt«. Dennis Häufglöckner, Klasse elf am KEG, gefiel mit seinem Prosatext über Menschen und Skelett. Das Stück wies durchaus skurrile Elemente auf und bot phantasievoll und abwechslungsreich platzierte ironisch-kritische Elementen, bevor es in die These mündete: »Skelette haben Vorfahrt!« Das Bläserquintett des JBG Miltenberg umrahmte die schöne Talentschau des literarischen Nachwuchses im Landkreis.

(Quelle: Heinz Linduschka, in: Bote vom Untermain vom 23.04.2010)

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