Leistung mit Blindenball und Rollstuhl

Integration: Bei der Aktion »Sport ohne Grenzen« lernen Schüler Herausforderungen von Behinderten kennen
Miltenberg. Es ist mucksmäuschenstill in der Turnhalle des Johannes-Butzbach-Gymnasiums. Voller Konzentration versuchen die Schüler zu erspüren, in welche Richtung der Ball rollt. Ihre Augen sind mit großen schwarzen Stoffbrillen bedeckt - sie kauern auf dem Boden und sind ganz auf ihr Gehör angewiesen.

Beim Blinden-Goalball erfahren sie, wie es ihrer Mitschülerin Julia geht, die seit der fünften Klasse trotz ihrer schweren Sehbehinderung das Gymnasium in Miltenberg besucht. Nur ein leises Klingeln verrät die Laufbahn des Balles. Ein Mädchen schwenkt zaghaft die Arme vor dem Körper, um den Ball schnell fangen zu können. Doch sie irrt sich in der Richtung und unterschätzt seine Geschwindigkeit. Tor! Die andere Mannschaft jubelt, die Mitschüler zollen laut klatschend Beifall.

Aktionsjahr zum Thema »Respekt«

Die Schule hat das Jahr unter das Thema »Respekt« gestellt. Da passte das Projekt »Sport ohne Grenzen« des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes Bayern (BVS) wunderbar dazu, das am Montag in Miltenberg Station gemacht hat. Schulleitung, Fachbetreuer Sport, Alexander Jörg, und Studienreferendarin Theresa Ruppert hatten die beiden Mitarbeiterinnen des BVS Bayern, Stefanie Becker und Judith Griebel, eingeladen und das BVS-Projekt, das seit Anfang 2010 paralympische Sportarten in ganz Bayern in Regelschulen vorstellt, um weitere Elemente erweitert.

So beschäftigten sich am Montag die neunten Klassen und die Leistungsgruppe Sport fast einen ganzen Vormittag mit »Sport ohne Grenzen«. Das Projekt soll aufzeigen, mit welchen Herausforderungen Menschen mit Behinderung im täglich konfrontiert sind. Aber es lehrt durch das eigene Erfahren mit dem Blindenball und im Rollstuhl auch, dass Sport verbindet und Integration durch Sport keine leere Worthülse ist. So spielten die Teilnehmer mit behinderten Sportlern der Lebenshilfe-Werkstätten Großheubach, Aschaffenburg und Stockstadt gemeinsam beim Rollstuhl-Basketball im Team. Hier zählte nur der Fair-Play-Gedanke. Jeder sollte jeden anspielen und somit bei allem sportlichen Ehrgeiz Chancengleichheit ermöglichen. Integration war das Ergebnis.

Victor Rollmann, Sportlehrer der Lebenshilfe-Werkstätten, sah das Projekt als vollen Erfolg. Seine Sportler waren begeistert, in einer »normalen« Schule mit »normalen« Jugendlichen spielen zu dürfen. Sie hatte weitere Rollstühle mitgebracht, auf denen die Gymnasiasten in einem ausgesteckten Hindernis-Parcours im Pausenhof selbst erproben durften, wie mühsam ein Reifen zu umrunden ist. Auch beim Slalom fahren durch Holzkegel stand ihnen die Konzentration ins Gesicht geschrieben.

Weitaus mehr körperliche Anstrengung war dagegen erforderlich, um mit dem Rollstuhl eine schräge Rampe hochzufahren. Zwar stand ein Mitschüler zur Sicherheit dahinter, aber jeder kämpfte sich aus eigener Kraft den kleinen Hügel hinauf. »Muss ein Rollstuhlfahrer nicht immer wieder seine Schultermuskulatur lockern?«, wollte eine Lehrerin wissen. Gut möglich, dass der oder die eine oder andere am nächsten Tag einen leichten Muskelkater verspürte.

Muskelkater in den Schultern

»Komisch« sei es gewesen, im Rollstuhl zu sitzen. »Man hat gebraucht, bis man es drauf hatte«, meinte Antonio, nachdem er die Rampe erklommen hatte:»Ich hab’s mir anstrengender in den Armen vorgestellt, aber das Wenden war mühsam!« Die Schüler betrachteten das Projekt offensichtlich als ganz großen Spaß. Zuzuschauen, wie sich die anderen abmühten, brachte sie immer wieder zum Lachen. Aber hoffentlich würden sie doch noch intensiver darüber nachdenken, wünschte eine der beteiligten jungen Damen.

Sie werden sich zwangsläufig auch gefühlsmäßig noch mit dem Thema »Behinderung« auseinandersetzen müssen - spätestens, wenn im Unterricht das Thema angesprochen wird und wenn sie die Fragebogen ausfüllen müssen, die die beiden Kollegiatinnen aus der zwölften Klasse schon vorbereitet hatten. Eva-Maria Keller und Gülin Renkli wollen darüber Facharbeiten zum Thema »Integration von Behinderten in die Gesellschaft« schreiben. »Ein tolles Projekt«, fanden auch die begeisterten Lehrer, »das man unbedingt wiederholen sollte!«

(Uschi Zimmermann, in: Bote vom Untermain vom 10.06.2010)

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