Das Mathematikstudium in Würzburg - Ein Erfahrungsbericht

Als ehemaliger Schüler des JBG (bis 1996) und Mathematikstudent im vierten Semester möchte ich auf Bitten der Redaktion etwas zum Mathematikstudium an der Universität Würzburg schreiben.

An den Anfang meines "Erfahrungsberichts" möchte ich den Aufbau des Diplomstudiengangs Mathematik stellen, im Anschluss daran will ich - um einen kleinen Einblick in den Studienalltag zu geben - einen mehr oder minder typischen Tagesablauf eines Mathematikstudenten beschreiben.

Zum Aufbau:

Das Mathematikstudium umfasst, so sieht es jedenfalls die Studienordnung vor, neun Semester und gliedert sich in ein viersemestriges Grundstudium sowie das daran anschließende Hauptstudium.

Hauptbestandteil des Studiums sind Vorlesungen aus allen Gebieten der Mathematik.
Im Grundstudium sind das vor allem

  • Vorlesungen in Analysis
  • Vorlesungen in Linearer Algebra
  • eine Vorlesung aus der Angewandten Mathematik
    (Numerik oder Stochastik)
  • eine Vorlesung im Nebenfach
    (in meinem Fall ist das Physik; möglich sind auch Philosophie, Informatik, Volks- oder Betriebswirtschaftslehre oder Psychologie). 

Parallel zu jeder Vorlesung finden Übungen statt, die das Ziel haben den in der Vorlesung vermittelten Stoff an Hand von Aufgaben zu vertiefen. Diese Übungen werden meist nicht vom Professor selbst gehalten, sondern von seinen Assistenten bzw. von Studenten aus höheren Semestern.

Am Ende der ersten vier Semester steht die Vordiplomprüfung, d.h. mündliche Prüfungen über jede dieser Vorlesungen.

Mit dem fünften Semester beginnt das Hauptstudium.
Hier ist man relativ frei in der Wahl seiner Vorlesungen und beginnt sich üblicherweise auf ein bestimmtes Spezialgebiet zu konzentrieren, in welchem man dann am Ende des Studiums seine Diplomarbeit schreibt.

Nach diesem kurzen Überblick über den Aufbau des Studiums nun der Bericht über den Alltag des Mathestudiums, zum Beispiel an einem  Donnerstag:

  • Los geht es um 8.30 Uhr (das ist untypisch) mit der Übungsgruppe zur Analysis.
    Der Übungsleiter hat dazu einige Aufgaben gestellt, die wir, das sind ungefähr acht Studenten aus dem vierten Semester, in den nächsten zwei Stunden bearbeiten werden.
  • Anschließend ist dann, ebenfalls zwei Stunden lang, die Vorlesung zur Analysis.
    Hier ist im Gegensatz zu den Übungen die Beteiligung der Studenten auf passives Zuhören und Mitschreiben beschränkt. Das Tempo der Vorlesung ist meist recht hoch; am Ende stehen ungefähr drei bis vier Seiten Mathematik in meinem Skript, welche ich später, um den Stoff gründlicher zu verstehen, zu Hause nacharbeiten werde.
  • Mittlerweile ist es Mittag geworden, und damit Zeit, in die Mensa zum Essen zu gehen.
  • Am frühen Nachmittag geht es weiter; es stehen noch zwei weitere Vorlesungen auf dem Programm, bevor ich schließlich nach Hause komme.
  • Den Rest des Nachmittags verbringe ich dann meist mit dem Lösen von Übungsaufgaben, sowie dem schon erwähnten Nacharbeiten der Vorlesungen.

Wer sich jetzt von so viel Mathe an einem Tag abgeschreckt fühlt, kann beruhigt werden. Die Vorlesungen und Übungen sind oft ziemlich ungleich über die Woche verteilt, so dass es durchaus auch unifreie Tage gibt. Insgesamt umfasst die Zeit, die man pro Woche für Vorlesungen, Übungen etc. an der Uni verbringt, zwischen 20 und 30 Stunden, wobei diese Zahl je nach Semester etwas variiert.

Noch ein Wort zu den schon angesprochenen Übungen:
Parallel zu jeder Vorlesung werden wöchentlich Aufgaben gestellt, die dann bis zur darauffolgenden Woche zu bearbeiten sind, und die von Studenten meist höherer Semester korrigiert werden. Es handelt sich dabei jeweils um vier oder fünf unterschiedlich schwierige Aufgaben, welche sich auf den in der Vorlesung gerade behandelten Stoff beziehen.
Das hört sich jetzt vielleicht nicht gerade viel an. Tatsächlich fordern diese Aufgaben, etwa im Vergleich zu den Mathe-Hausaufgaben in der Schule, von den Studenten einiges an Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen sowie eine intensive Auseinandersetzung mit dem in der Vorlesung dargebotenen Stoff, so dass man durchaus sechs Stunden oder auch länger an einem Aufgabenblatt verbringen kann. Die dabei gestellten Aufgaben sind am ehestens wohl noch zu vergleichen mit den Problemen, die beim Bundeswettbewerb Mathematik bzw. im Pluskurs - den ich hier übrigens sehr empfehlen möchte - gestellt werden.

Apropos Pluskurs Mathematik: der Spaß, den ich im Pluskurs beim Lösen mathematischer Probleme hatte, war einer der Gründe, weshalb ich mich nach dem Abitur zu einem Studium der Mathematik entschlossen habe.
Ein weiterer Grund, der bei der Wahl dieses Studienfaches eine Rolle gespielt hat,
war die Neugierde auf die Mathematik, welche beispielsweise Antworten gibt, auf Fragen wie

  • Weshalb gibt es für Gleichungen fünften Grades keine Lösungsformel wie etwa bei quadratischen Gleichungen ?
  • Was kann man aussagen über die scheinbar zufällige Verteilung der Primzahlen ?
  • Weshalb ist das regelmäßige Siebeneck mit Zirkel und Lineal nicht konstruierbar ?

Teilweise überraschende Antworten und unerwartete Zusammenhänge zwischen diesen und vielen weiteren Fragen sind es, die das sicher nicht immer leichte Mathematikstudium als lohnend erscheinen lassen.

Im Rahmen dieses Berichts kann nur ein kleiner Einblick in das Studienfach Mathematik gegeben werden. Wer mehr darüber wissen möchte, wie etwa das Studium aufgebaut ist oder was man mit einem abgeschlossenen Mathe-Studium anfangen kann, der findet Informationen hierzu in dem lesenswerten Heft "Das Mathematikstudium an der Universität Würzburg", welches kostenlos erhältlich ist bei der zentralen Studienberatung der Universität, Sanderring 2, 97070 Würzburg, und demnächst in einer aktualisierten Ausgabe vorliegt.

Darüber hinaus stehe ich jederzeit gerne für Fragen zur Verfügung. Zu erreichen bin ich unter der email-Adresse jan.swoboda@stud-mail.uni-wuerzburg.de


Jan Swoboda


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