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Die Flucht
Schlafen, dachte sie, wäre das beste. Im Bett liegen und nicht aufwachen, während die Zeit einfach vergeht, ohne dass man sich an etwas erinnern müsste. Tag und Nacht, dachte sie, ausgestreckt auf einem kühlen Laken. Ruhig und da und zugleich weg und keine Tricks mehr, weil man etwas vergessen möchte. Aber sie schlief schon seit Monaten schlecht. Wenn sie sich hinlegte, fielen Gedanken, Gefühle über sie her wie Messer über einen Fisch, der, kaum aus dem Wasser geholt und durch Schläge ums Leben gebracht, aufgeschlitzt wird. Wenn sie dann endlich in einen leichten Schlaf gesunken war, schreckte sie bald wieder hoch, schweißnass und verstört, von bizarren Träumen geängstigt. Danach kauerte sie stundenlang im Bett, starrte in die Dunkelheit des Raumes und wartete auf das Ende der Nacht. Irgendwann hatte der Arzt sich geweigert, ihr mit Schlafmitteln und Psychopharmaka auszuhelfen. Das löst ihr Problem doch nicht, hatte er gewarnt. Ich darf Ihnen diese Sachen nicht länger verschreiben, Sie werden mir sonst noch abhängig. Es war ihr also nichts anderes übrig geblieben als zu laufen. Wenn sie ihr Leben nicht zum Stillstand bringen konnte, musste sie ihm wenigstens Tempo verleihen, es soweit beschleunigen, dass sie nichts mehr spürte außer der Geschwindigkeit, mit der alles an ihr vorbei jagte, ohne eine Spur, einen Eindruck zu hinterlassen. So war sie zum Laufen gekommen. Weil sie es anders nicht ertrug, versuchte sie immer in Bewegung zu sein, nutzte jede freie Minute, um zu joggen, zu rennen, zu spurten oder zu walken. Sie schaute auf das rhythmische Auf- und Ab ihrer Turnschuhe auf dem Feldweg. Es war Sommer und sie lief in kurzen Hosen. Sie sah die Muskeln ihrer Oberschenkel, die, seit sie immerzu trainierte, kräftiger geworden waren. Sie bildete sich nichts darauf ein. Kraft, dachte sie bitter, am falschen Ort. Die Sonne brannte auf ihr Gesicht. Es war unvernünftig, genau um die Mittagszeit durch die Wiesen zu rennen. Ihre Haut vertrug die Hitze nicht, sie spürte ein unangenehmes Jucken auf Wangen und Schläfen, sie wusste, dass dort rote Flecken entstanden waren, die sie nachher kühlen musste. Es war ihr egal. Mechanisch bewegte sie die Füße. Weiter, dachte sie, weiter, vielleicht kommt es schon nach vier Kilometern, vielleicht aber erst nach sechs oder zehn. Seit sie über eine bessere Kondition verfügte, dauerte es länger. Sie rannte, um zu vergessen. Schneller. Sie trieb sich voran. Ihr Atem ging schwerer. Nicht stehen bleiben. Wenn ihr Körper völlig erschöpft war, gab es nichts mehr zu denken, nichts mehr zu fühlen, außer Ermattung und Durst. Beides ließ sich befriedigen. Trinken und schlafen, einschlafen, Stille. Ohne Bewusstsein, ohne Qual. Aber noch war es nicht soweit. Zwar fühlte sie schon die brütende Hitze in ihrem Kopf, unangenehm, wie die Hand eines Fremden, der sich eine Berührung anmaßt. Aber es genügte noch nicht, ihr die Sinne zu verwirren, das Gehirn zu betäuben. Zuviel Klarheit, dachte sie nervös und steigerte das Tempo. Jetzt spürte sie die Erschütterungen, die der holprige Weg verursachte, in den Hüften und erste Stiche in den Fußballen. Es war ihr recht. Sie liebte die Vorboten der Erschöpfung. Sehnsüchtig wartete sie darauf, dass ihr die Luft ausginge und sie endlich keuchen, schließlich sich dahinschleppen und irgendwo niedersinken könnte. Dort, auf einem Acker, einem Feld, es war ihr egal, würde sie liegen und nichts wissen, jeder Erinnerung bar und unverletzt sein. Warum sie plötzlich stehen blieb, obwohl sie den Zustand, den sie brauchte, noch nicht erreicht hatte, das konnte sie später nicht erklären. Abrupt hielt sie inne, verharrte, während ihr Herzschlag noch weiterraste. Zum ersten Mal, seit es passiert war, hatte sie das Gefühl, die Landschaft, durch die sie rannte, wieder wahrzunehmen. Staunend, beinahe verwirrt betrachtete sie das sich immer weiter öffnende Tal und die Hügel, die auseinandertraten, um es freizugeben. Sie sah Obstbäume und Kornfelder, und wie um sich zu vergewissern, dass dies alles tatsächlich existierte, streckte sie die Hand aus und fasste nach einer Ähre, die sie nicht abriss, sondern durch die Finger gleiten ließ. Bald würde geerntet werden, es ging alles seinen gewohnten Gang, was hatte sie anderes erwartet? Sie setzte sich an den Rand des Kornfelds, in das jetzt ein leichter Wind fasste, sie hörte ein verhaltenes Rauschen, ein Murmeln, das sie nicht beruhigte. Plötzlich kam ihr das Kornfeld wie eine dicht beieinander stehende, geschlossene Gesellschaft vor, und sie gehörte nicht dazu, blieb ausgeschlossen, denn es war etwas geschehen, was sie von allem trennte. Warum, dachte sie und wusste, dass sie aufspringen und weiterrennen musste, aber es ging nicht, ihre Beine kapitulierten, es gab keine Fluchtmöglichkeit mehr. Warum, dachte sie hilflos, hat mein Sohn den Kopf in die Tüte gesteckt? Warum hat er mit dem Kopf in der Tüte dieses Gas geschnüffelt, das, so hatte man ihm versichert, jeden glücklich machte? Warum hat er es allein in seinem Zimmer getan, dass niemand ihm helfen konnte, als er benebelt und mit dem Kopf in der Tüte erstickte? Sie sprang auf. Nicht zu Ende denken. Sie fing an zu rennen, überstürzt und viel zu schnell. Ihr Körper, der in letzter Zeit hager geworden war, schmerzte. Weiter, befahl sie sich, weiter. Sie sah eine Biegung, sprintete darauf zu, als ob dahinter Sicherheit wäre. Während sie in die Kurve ging, wurde sie eingeholt, abgefangen von der letzten Frage, die sie sich nicht hatte stellen wollen und nun um so heftiger stellte. War denn mein Sohn, dachte sie keuchend vor Anstrengung, war denn mein Sohn nicht glücklich? |