Gretchenbrief


Unheilbringender, gottloser Verführer, Geliebter
Es ist so dunkel hier, selbst das kleine Kerkerfenster bringt mir kein Licht, die Sonne mag mich nicht mehr wärmen. Es ist so feucht, wenn ich weine klatschen meine Tränen auf den Boden wie auf die glatte, schwarze Wasseroberfläche des kleinen Teichs im Wald. Wasser verfolgt mich. Still, es ist so still und doch so laut, die Steine dieser Mauer sind die Worte meines Bruders, die kraftlosen, erstickenden Schreine eines Kindes. Weißt du Heinrich, dass ich ein Kind im Arm hatte, ein Kind mir großen, dunklen Augen, verschrumpelter, roter Haut, unser Kind, mit so kleine Händen, dass sie nicht mal einen Finger von dir umschließen könnten. Wo bist du? Warum lässt du mich allein Geliebter? Wer warst du, wer bist du? Ich kann mich nicht so in die getäuscht haben. Manchmal besucht mich mein Mutter und mein Bruder, sie unterhalten sich über mich, doch sehen mich nie an. Ich weine auf Knien, sie mögen mich nur einmal ansehen, aber sie würdigen mich keines Blickes. Heinrich, kennst du noch meine Stimme? Ich möchte singe, alle Worte fallen mir ein, doch kein einzigste Melodie mehr. Komm, komm doch und wärme mich, der Tod ist so kalt, ich vermisse dich, meine Seele gefriert.

Deine Margarete

(A.T)


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