"Jannik"

Er fuhr nach Hause. Um sich zu erinnern, dass er eines hatte. Vor vielen Jahren war es ihm abhanden gekommen, wie man Murmeln verliert oder den Nachnamen eines Klassenkameraden. Oder er hatte es absichtlich verloren, damit er sich nicht erinnern musste an all die vielen Stunden, die so glücklich hätten sein können, aber nun als graue Schatten hinter ihm lagen. Er fuhr in einem Bus auf das Land und viele Menschen sah er auf seiner Reise durch das Land. Wie unglaublich nah sie ihm doch schienen und wie sehr er sie liebte, das wussten sie an diesem Tag nicht, doch sein Herz war schwer und einsam und so nahm er ihre Gesichter in sich auf und liebte sie.
Sorgsam war er geflüchtet, all die Jahre und jetzt stand er vor diesem Haus und fühlte so unglaublich viel, dass das Atmen ihm sehr schwer fiel. Jetzt hätte er sterben können und er wollte sich tatsächlich auflösen, doch die Sonne schien auf sein Haupt und ein schwacher Wind streichelte ihn und so ließ er alles zu, was ihm so viel Angst gemacht hatte. Er strich die Mauern entlang und Bilder drängten sich in seinen Kopf und er setzte sich und ruhte vor seiner Vergangenheit, ruhte vor der Zukunft und war in diesem Moment nicht mehr als ein ganzer Jannick.
Wie viele Male er hier ganz wach gestanden war und versucht hatte alles begreifen zu wollen, das weiß er nun nicht mehr, aber er hatte es bis zum Schluss nicht erfassen können und die Schönheit ist an ihm vorübergezogen.
Aber nun erinnerte er sich. Denn da fielen ihm die Enten ein. Diese sonderbaren Tiere, mit diesen bemerkenswerten Augen, mehr noch mit diesem bemerkenswerten Frieden in sich. Wie sie sich wiegend und zärtlich schnatternd über die Wiesen wälzten. Das alles war wohl auch ein Teil von ihm und darüber war er jetzt sehr glücklich.
Obwohl er nicht immer alles verstanden hatte, war er jetzt bereit. So muss es sich anfühlen wenn man stirbt, wie ein tiefer, dunkler See, der friedlich in einem Wäldchen versteckt, auf nichts mehr warten muss, der nur noch lauscht und in seinem dicken Bauch ein ganzes Volk gedeihen lässt. Also setzte er sich, sah noch die Sonne untergehen, die Wolken sich verfärben, den Wind erlischen und so saß er an dieser Mauer, die ihm nun den Rücken wärmte und brauchte so wenig wie nie zuvor. Er blickte in den Himmel und erstaunt wandte sich sein Blick auf Gott, der über ihm thronte. Lange sah er seinem Meister ins Gesicht, studierte seine Grübchen, lachte von Zeit zu Zeit auf und kaute auf seinem Stückchen Brot.
Er ahnte wohl dass Gott nicht sprechen konnte, aber wenn was nicht in Ordnung gewesen wäre dann hätte er ja auch auf ein Blatt Papier schreiben können, dachte er sich. Friedlich schlief er ein. Und der liebe Gott verließ ihn. Kam mit einem Blatt Papier wieder und legte es Jannick unter die Schuhsohle.
Weil es aber der Wind hinfort trug und Jannick es am nächsten Morgen also nicht fand, was man wohl dann eine schicksalhafte Fügung nennen könnte, blieb dem alten Männchen einiges erspart. Man kann also behaupten, die beider haben sich einfach verpasst.
Von da an zog Jannick wieder durchs Land, liebte fremde Gesichter und brauchte nicht mehr nach hause zu kommen, weil er ja nun wusste dass er eines hatte. Eines mit Gott vor der Haustür.


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