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"Tabea"
Durch das Fenster schien der Mond in ihr Zimmer. Licht und Schatten umspielten ihr schlafendes Gesicht. Wie ein Engel auf den Flügeln der Nacht. Ein Windzug, wehende haselnußbraune Strähnen, ein Hauch von Himmel. Von unten, von der Straße her, war ein Mischmasch von Schlagern und fremden Stimmen ohne Gesicht zu hören. Kaum zu überhören. Aber sie hörte es nicht. Sie träumte vom Fliegen. Sich einfach wie ein Vogel in die Lüfte erheben, träumte von Kirschblüten im Frühlingswind wie sie früher in Großmutters Garten zu bewundern waren. Sanft und zart wie Seide stellen sie sich doch standhaft und trotzig in den Wind bis sie sich lösen und frei zur Erde schweben. Wie oft war sie früher unter dem alten knorrigen Kirschbaum gelegen und hatte das Spiel des Windes mit den kleinen, wie Schiffchen auf den Wogen der Böen, tanzenden Blättchen beobachtet. Früher. Das war bevor... Was hatte sie sich dabei gedacht? Einfach von zu Hause... so unerfahren, gerade noch ein Kind. Aber sie mußte gehen. In die große, weite Welt. Sie wollte doch frei sein, frei wie die Kirschblüte im Wind. Nun war sie hier. Paris. Stadt der Liebe. Keiner hatte sie diese Liebe spüren lassen. Wie oft wollte sie nach Hause; wollte, durfte, konnte nicht. Mutter hatte sicher geweint. Einmal hat sie zu Hause angerufen. "Geißner" hatte sich ihr Vater gemeldet. Sie wollte sprechen, wollte ihm sagen wie sehr sie ihn vermißte, ihn, Mutter und die kleine Marianne, aber sie konnte einfach nur weinen. Dann hat sie den Hörer wieder aufgelegt. Manchmal fühlte sie sich gut, dann vergaß sie alles um sie herum, weggeblasen waren alle Sorgen. Dann spürte sie warum Paris die Stadt der Liebe war. Doch bald, viel zu bald war das Gefühl wieder verschwunden, holte sie ihr Leben wieder ein. Das nächste Mal nahm sie mehr, doch irgendwann fehlte das Geld. Was hätte sie denn machen sollen? Sie brauchte doch ihre Dosis Liebe. All die Jahre hatte sie versucht es vor sich zu rechtfertigen. In jeder freien Minute war sie über sich zu Gericht gesessen, war Richter, Verteidiger, Staatsanwalt, Geschworene. Die Wahrheit war, sie kannte sich nicht mehr. Sie fand sich verabscheuungswürdig. Eine kleine billige Hure. Das war nie wovon sie geträumt hatte und jedesmal haßte sie sich mehr. Sie wollte weg, einfach zum Fenster hinaus fliegen und den Vögeln in den Süden folgen, aber da war ein Käfig. Jedes Mal, wenn sie entfliehen wollte, warfen sie die rostigen Gitterstäbe hämisch lachend zurück. Da lag sie. Die Augen geschlossen, ein Lächeln auf den Lippen, ein Windhauch umspielte ihren Körper. Ganz unscheinbar auf dem Boden die Liebe, in der rechten Hand der goldene Schlüssel zum Käfig. Schlief und träumte. Träumte von Freiheit, träumte von Vögeln am Himmel, von Kirschblüten im warmen Sommerwind und weiß auf ihrer Stirn ein Geschenk des Windes. Sanft und zart wie Seide. |