Überall dieser Leichtsinn

Überall Tote, oder Brüder von Toten und Eltern oder Schwestern. Ein Geliebter trauert und weint um sein ein und alles. Es regnet und ich könnte einfach weiter laufen, aber das Bild des trauernden Geliebten lässt mich nicht los. Hat er denn nicht gewusst, wie kostbar jeder Augenblick ist? Hat er nicht geahnt, wie kurz das Liebesglück auf der Erde verweilt? Ich sehe seine Trauer und bin nicht wirklich gerührt von dem erbarmungslosen Schicksal, nur von der Naivität des Mannes. Eben noch stark, wirkt er jetzt wie ein Häufchen Asche, welches in alle Richtung verstreut werden wird. Noch heute.

Wie sie wohl war, seine Geliebte? Eines dieser Vanille-Duft-Mädchen oder ein Porzellan-Mädchen, oder vielleicht ein kleiner Vogel, ganz zerbrechlich und schüchtern und unsagbar schön?

Ich werde nicht zu ihm hingehen und ihn fragen, aber ich hätte sie auch gerne geliebt. Mit meinem Körper und getrauert mit meiner Seele. Aber ich streiche nur durch die Straßen und beobachte die vielen Menschen bei ihrem Unglücklichsein und sterbe jeden Tag ein bisschen. Manchmal schleiche ich nachts in ein Bordell und schlafe mit einem Mädchen. Ohne Liebe, aber mit Mühe und Hingabe. Und dann versuche ich verzweifelt in ihrem Gesicht zu lesen, dass es sie glücklich macht, für eine Augenblick, aber natürlich macht sie nichts glücklich in diesem Beruf. Wie konnte ich solche Vorstellungen haben?

Dann gehe ich wieder durch die Nacht und rieche die Luft, mal regnerisch, mal verträumt, aber nie verlogen.

Die Luft lügt nie. Manchmal zieht der Duft von verbrannten Tierleibern durch die Straßen. Hässlich süßlich, unerträglich, aber ich ertrage ihn.

Dann gehe ich wieder in mein Zimmer und schlafe oder esse. Ich vergesse sofort, was ich dort wirklich mache. Ich lebe als Schatten in den Straßen der Nacht. Ich bin wie ein Fotograf. Ich halte alle Dinge fest. Nur mit einem Blatt Papier und meistens schreiben ich noch etwas dazu, weil das sich dann besser verkauft, die Leute wollen nicht die ganze Wahrheit. Sie wollen kleine Häppchen, die schmackhaft hergerichtet sind und gut verdaulich. Sie wollen dann hören, dass das Mädchen doch etwas Liebe und Glück empfindet. Werde es wohl noch ausbessern. Vielleicht werde ich schreiben, dass sie nichts sagt und ich auch nicht, aber wenn ich wieder gehe, dann drückt sie ihr kleines Gesicht gegen meinen Körper und hält mich für eine Weile fest. Ja, das werde ich schreiben. Vielleicht werde ich sie noch was flüstern lassen. Etwas Undeutliches. Vielleicht nur einen Namen. Nicht meinen natürlich.

Ach ja, das Leben ist sonderbar.

Heute besuchte ich meine Mutter. Alt ist sie geworden. Aber irgendwie rührend. Sie macht mir dann etwas zu essen und erzählt mir irgendwas. Ich schaue meistens aus dem Fenster und nicke oder gebe zustimmende Laute von mir. Dann wieder blicke ich sie an und es scheint ihr unangenehm zu sein. Sie streicht dann über ihre Schürze. Schaut an sich herunter als ob sie sich bekleckert hätte. Aber sie ist sauber. Ich gucke dann wieder weg, weil ich nicht will, dass es ihr unangenehm ist. Vielleicht hat sie Angst, dass ich etwas über sie schreibe. Aber was sollte ich schon schreiben? An ihrer Stelle hätte ich mehr Angst, dass ich nichts über sie schreibe.

Vater, eine Gestalt aus Schatten, oh eine Gemeinsamkeit. Fast ein Grund zur Freude. Ob sie sich auch mal geliebt haben? Eher nicht. Also Vater. Das Väterchen. Keine richtigen Erinnerungen an ihn. Wirklich. Ich finde ein paar Bilder in meinem Kopf, aber Erinnerungen? Ich könnte schreiben, dass er Waldarbeiter oder Bauarbeiter war. Es wäre das gleiche. Ich könnte sagen, dass ich keinen Vater hatte. Auch egal.

Ich gehe wieder. Sie sagt noch, ich solle auf mich aufpassen. Werde ich machen, so gut es geht. Aber meistens weiß man es nicht rechtzeitig, um tatkräftig in sein Schicksal einzugreifen.

Ich gehe wieder ins Bordell, will was Gutes tun. Klingt sehr krankhaft.

Sie heißt Anja. Oder? Ja. Anja. Ich will sie gar nicht anfassen. Das ist, als würde ich mich an der Mutter Maria vergreifen. Sie ist schön. Hat auch keine Angst. Es ist auch keine Routine. Sie hat etwas Ruhiges in sich. Vielleicht hat sie Zeit, oder die anderen haben ihr gesagt, dass ich absolut harmlos sei. Jedenfalls sitzt sie da. Redet ein bisschen. Ich schließe die Augen. Liege auf einem Bett. Sie kommt rüber zu mir und streichelt mein Gesicht. Wahrscheinlich betrachtet sie mich und will sehen, ob ich glücklich bin. Noch so eine Heilige.

Bin ich glücklich? Keine Ahnung. Was ist schon Glück?

Ich beschließe das Bordell zu verlassen und nicht mehr wiederzukommen. Jetzt habe ich leider eine Beschäftigung weniger. Vielleicht lässt sich das bei ein paar Drinks besser ertragen. Und wie ich so am Tresen sitze und mir langsam die reine Wahrheit ins Gehirn geträufelt wird, sehe ich wieder diesen Geliebten. Ich gehe zu ihm hin und sage etwas Banales und schließlich stelle ich die alles entscheidende Frage nach ihrem Aussehen. Endlich sieht er mir in die Augen und fängt plötzlich an zu lachen. Ich lache ein wenig mit, aber es ist unnatürlich und gewollt. "Sie war", beginnt er, "wie der Nebel am Morgen. Kalt und nicht zu greifen. Und dann war sie wieder wie ein Schluck Wodka. Es wurde einem ganz schummrig, wenn man zuviel auf einmal wollte. Aber vor allem war sie bereit. Zu allem. Zur nackten Wahrheit. Zur Hässlichkeit. Zur Liebe. Sie war eine verschwiegene Schönheit und wenn ich könnte, würde ich nur noch Bilder von ihr malen."

Armer Irrer fährt es mir durch den Kopf. Sitzt in der Bar, besäuft sich und würde nur die eine Frau malen, immer und immer wieder. Meine Güte und ich wollte sie auch lieben. Werde mir etwas anderes zum Lieben aussuchen.

Wieder zu Hause. Wieder dieses Bett. Es riecht hier als würde ich schon verwesen. Und nicht mal das gelingt mir richtig. Wie Nebel am Morgen. Eigentlich ein schönes Bild. Vielleicht gehe ich doch wieder ins Bordell.

(K.F.)


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