Die verlorene Identität

Ich weiß nicht mehr, wann ich sie verlor, es muss wohl so im Herbst gewesen sein, aber plötzlich merkte ich, dass sie nicht mehr da war. Ich fühlte mich auf einmal nackt. Und weil Nacktsein von jeher irgendwie ein Problem darstellt, wollte ich sie wiederfinden, diese Identität.
Doch als ich sie beschreiben sollte, wusste ich nicht genau wie sie aussah. Ein Gesicht vergisst man, einen Termin auch, aber seine Identität? Nein, das war fast unmöglich, aber bei mir war es so. Ich ging durch die Straßen und ich fühlte die Blicke, denn die Leute spürten meine Blässe, sie fühlten meinen Mangel. Diese Geschmacklosigkeit auf meinen Lippen war unverkennbar, aber weil ich keine Identität hatte, spürte ich auch keine Betroffenheit. Aber auch keine Gleichgültigkeit. Ich war eher wie ein Schatten, der dunkel gebückt seinen Körper suchte.
Keinen Hunger und keinen Durst spürte ich, nichts. Keine direkte Gefühllosigkeit, aber ein gewisses Unwohlsein. Ja, in der Tat, ich war nicht vollständig.
Und als ich selber meine Identität nicht fand, suchte ich sie bei anderen Menschen. Wer weiß, dachte ich, wer weiß, vielleicht hat sie sich in einen anderen Körper verirrt oder macht etwas Urlaub. Also schaute ich in andere Menschen an, liebte sie, verletzte sie, schickte sie fort und schlich ihnen hinterher. Manchmal schüttelte ich sie auch einfach und hoffte, dass meine Identität heraus purzeln würde, aber sie purzelte nicht heraus. Nie geschah es.
Und heute? Ja, heute habe ich gelernt ohne sie zu leben. Jede Erinnerung verblasst und so ist meine Identität nur noch ein Bild aus einer früherer Zeit und die Blicke der Menschen streifen mich nur noch. Sicher, manchmal wird man sentimental und verweint ein, zwei Tränen und ein Mensch in meinem Bett sagt dann, ja, ja, es wird schon wieder, schlaf ein, du hast schlecht geschlafen, aber ich weiß es und er weiß es auch: was ich verloren hab ist unersetzlich.


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